Die mineralogisch-petrographische Abteilung nach dem 1. Weltkrieg

Mit Ende der Monarchie ändert sich auch die Organisationsform des ehemals k.k. Naturhistorischen Hofmuseums, das entsprechend den Bestimmungen des Friedens von St. Germain in das Eigentum des österreichischen Staates übergeht. Die Intendanz wird aufgelöst, der letzte Intendant des Hauses, Franz Steindachner, tritt in den Ruhestand. Das Naturhistorische Museum wird dem Staatsamt für Unterricht, dem späteren Bundesministerium für Unterricht, unterstellt. Den Leitern der fünf Abteilungen des Hauses wird eine größere Selbständigkeit gewährt. Das gesamte Museum betreffende Agenden werden von einem neunköpfigen Kollegium wahrgenommen.

 

Im Februar 1918 tritt der Direktor der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung, Berwerth, in den Ruhestand, kurz darauf stirbt er. Kustos Ferdinand Wachter, der mit Berwerth vor allem in den Hohen Tauern wissenschaftlich gearbeitet hatte, scheidet krankheitshalber aus dem aktiven Dienst aus. Koechlin übernimmt die Leitung der Abteilung. Er wird auch zum Vorsitzenden des Kollegiums des Museums gewählt. Ihm zur Seite steht bei der Abteilungsarbeit nun seit April 1919 als Assistent Hermann Michel. Beide sind auch im Vorstand der Wiener Mineralogischen Gesellschaft (ab 24. November 1947 Österreichische Mineralogische Gesellschaft) tätig. Michel ist darüber hinaus Leiter der Staatlichen autorisierten Technischen Untersuchungsanstalt für Edelsteine und gerichtlich beeideter Sachverständiger beim Handelsgericht Wien.

 

Koechlin wird 1920 Direktor der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung und 1922 als Hofrat in den Ruhestand versetzt. Im selben Jahr wird Michel zum Kustos ernannt.

Die schwere, politisch unruhige Zwischenkriegszeit zeigt auch ihre Auswirkungen in den Aktivitäten der Abteilung. Zwar ist in dieser Periode ein Zuwachs von ca. 12.000 Objekten zu verzeichnen, besondere Ankäufe - sieht man vom Erwerb des am 28. August 1925 gefallenen Meteoriten von Lanzenkirchen, der nur mit Unterstützung der "Freunde des Naturhistorischen Museums in Wien" erworben werden kann, ab, sind nicht zu verzeichnen. Auch der Personalstand wird reduziert. Erst 1932 kommt Alfred Schiener als Volontär an die Abteilung; er wird 1936 provisorischer wissenschaftlicher Assistent.

 

Hermann Michel, seit 1923 zunächst Leiter, dann noch im gleichen Jahr Direktor der Abteilung, übernimmt 1933 auch die Leitung des Gesamtmuseums bis zum gewaltsamen Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich 1938. Trotz finanzieller Beschränkungen und seiner administrativen Tätigkeiten als Erster Direktor des Naturhistorischen Museums kann Michel die Forschungstätigkeiten der Abteilung zunächst intensivieren. Die Tradition der Wiener Schule der Edelsteinforschung, die nach dem 2. Weltkrieg von Hubert Scholler fortgeführt werden wird, wird von ihm begründet. 1938, nach der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich, wird Michel seines Amtes als Erster Direktor zwar enthoben, die Leitung der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung bleibt aber weiter in seinen Händen. Heinz Meixner kommt im Herbst 1938 als wissenschaftlicher Assistent an die Abteilung; er wird 1940 Kustos. Meixner ist ein eifriger, ja fanatischer Mineraltopograph. Die fachgerechte Betreuung der Mineraliensammlung scheint damit wieder gewährleistet.

 

Der Ausbruch des 2. Weltkrieges bringt die wissenschaftliche Arbeit und vor allem den Schausammlungsbetrieb des Hauses und damit auch der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung nach und nach zum Erliegen. Bereits im Frühsommer 1939 werden die Meteoritensammlung und die Edelsteinsammlung im Zuge von Vorbereitungen für Luftschutzmaßnahmen aus den Schauräumen entfernt und in Behälter verpackt. Damit soll eine Veräußerung oder Verschleppung dieser wertvollen musealen Bestände verhindert werden. Nach Kriegsausbruch werden auch große Teile der Sammlung und die Bibliothek zunächst in Abteilungsräumlichkeiten im Parterre des Museums verlegt, später an andere, sicherere Stellen der Stadt und auch außerhalb Wiens nach Schloß Kirchstetten bei Staatz in Niederösterreich ausgelagert. Im Spätherbst 1944 werden weitere Teile der Schausammlung (Mineralien und Gesteine) sowie umfangreiche Ladenbestände in das Salzbergwerk Lauffen bei Ischl transportiert. Michel leitet diese Bergungsaktionen, die auch die anderen Sammlungen des Museums betreffen, sehr umsichtig, so dass die Bestände keinen nennenswerten Schaden durch diese Aktivitäten erleiden. Die Mineraliensammlung des Museums ist nicht zuletzt damit eine der wenigen mitteleuropäischen Sammlungen, die durch die Wirren der Zeit bisher kaum Schäden davongetragen haben. Auch in diesem Umstand liegt ihre heutige wissenschaftliche und kulturhistorische Bedeutung begründet.

 

Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes und der Wiederherstellung Österreichs als eigenständiger Staat verliert Meixner seine Anstellung. Michel übernimmt 1947 als Erster Direktor wieder die Leitung des Museums und bleibt in dieser Funktion bis 1951. Schiener tritt nach dem Krieg seinen Dienst an der Abteilung wieder an und wird 1948 Kustos I. Klasse. Hubert Scholler kommt 1948 als provisorischer wissenschaftlicher Assistent an die Abteilung, 1951 wird er zum Kustos 2. Klasse bestellt. Eine sehr wichtige Erwerbung in diesem Zeitraum ist die Übernahme wesentlicher Sammlungsbestände (Mineralien, Erze und Gesteine) der Geologischen Bundesanstalt, die aufgrund bestimmter Vorkommnisse auf Weisung der vorgesetzten Dienstbehörde erfolgt. Damit gelangen u.a. auch wieder jene Mineralien und Gesteine an die Abteilung, die 1844 aus dem Dublettenbestand des Mineralien-Cabinets zur Erstausstattung des damals im Planungsstadium befindlichen k.k. Montanistischen Museums ausgeschieden worden waren. Darüber hinaus kommen aber auch weitere wesentliche Bestände dieser Anstalt an die Abteilung, darunter etwa die Sammlung "Friese". Auch die ehemalige Sammlung des Grafen von Breunner, Gründungsobjekte des k.k. Montanistischen Museums, dem Vorläufer der k.k. Geologischen Reichsanstalt, konnte im Zuge der genannten Transaktion übernommen werden. Darüber hinaus befanden sich darunter auch viele Einsendungen von Montanbeamten der Monarchie und der Mitarbeiter der Anstalt selbst. Bis Mitte der 60er Jahre blieb das Material in Kisten verpackt, dann wurde es gesichtet und große Teile davon, soweit sie eine Ergänzung zum Sammlungsbestand der Abteilung darstellten, in das Inventar übernommen. Dubletten wurden in den Folgejahren zum Tausch herangezogen, womit die budgetäre Unterdotierung des für Sammlungsankäufe vorgesehenen Etats bis zu einem gewissen Grad neutralisiert und wertvolle sowie wichtige Neuerwerbungen getätigt werden konnten. Der weitaus größte Teil des Materials befindet sich aber weiterhin im Dublettenbestand der Abteilung.

 

Scholler meidet auf Grund seiner angegriffenen Gesundheit Geländearbeiten, betreibt dafür aber einerseits akribisch die Aufarbeitung älterer Sammlungsbestände, deren tatsächliche Erwerbung zum Teil bis in die Zeit des Monarchieendes zurückreicht (!), und widmet sich andererseits der Edelsteinkunde, dem Archiv des Hauses, sowie der Volksbildung. Scholler setzt die von Michel begründete Tradition der Edelsteinuntersuchung am Museum fort. Dies führt 1954 zur Gründung des Staatlichen Edelsteininstitutes am Naturhistorischen Museum, das der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung angeschlossen wird.

 

Schiener betreut insbesondere die Mineraliensammlung und widmet sich hier vor allem den Mineralisationen des Gasteiner Raumes. Er hat bereits 1949 die Leitung der Abteilung übernommen und wird 1953 deren Direktor. Am 23. August 1962 stirbt er überraschend. Hubert Scholler wird die Leitung der Abteilung übertragen. In diesem Zeitraum wurde mit Revisionsarbeiten zur Neugestaltung der systematischen mineralogischen Schausammlung und der Meteoritensammlung begonnen - von Gero Kurat unterstützt, der 1962 seinen Dienst an der Abteilung als Vertragsbediensteter antritt. Scholler wird 1964 zum Direktor der Abteilung bestellt. Im Jänner des gleichen Jahres beginnt Gerhard Niedermayr seinen Dienst an der Abteilung. Er führt die Ordnungsarbeiten in der Meteoritensammlung und später im Schausammlungsbereich der systematischen Mineraliensammlung weiter. Die Sammlung wird nach der Systematik von Klockmann-Ramdohr, unter Heranziehung von Ordnungsprinzipien von Strunz, neu aufgestellt.

Anfang 1967 übernimmt der Direktor der Botanischen Abteilung und gleichzeitig Erster Direktor des Naturhistorischen Museums, Karl Rechinger, nach Pensionierung von Hubert Scholler auch die provisorische Leitung der Mineralogisch-Petrographischen Abteilung. Mit 1. Juli 1968 wird Kurat mit der provisorischen Leitung der Abteilung betraut. Als Stipendiat arbeitet der ehemalige Direktor, Hubert Scholler, weiter an edelsteinkundlichen Fragestellungen; am 27. April 1968 stirbt er.

 

Seit 1. August 1968 ist Walter Cadaj an der Abteilung tätig. Während eines fast einjährigen Auslandsaufenthaltes von Gero Kurat (vom 1. November 1970 - 30. September 1971) hat der nunmehrige Erste Direktor und gleichzeitig Direktor der Geologisch-Paläontologischen Abteilung, Friedrich Bachmayer, die provisorische Leitung der Abteilung inne.

Nach und nach bessert sich die finanzielle und auch die personelle Situation der Abteilung.

Für ca. 2 Jahre ist Hans Klob als Vertragsbediensteter in der Abteilung tätig. Robert Seemann übernimmt als Vertragsbediensteter die Agenden von Klob mit 1. September 1971. Weitere Zugänge im wissenschaftlichen Personalstand sind Alfred Kracher (bis 1982), Franz Brandstätter (ab 1. Februar 1982), Vera Hammer (ab 1. Februar 1992), Uwe Kolitsch (ab 1. Januar 2007), Ludovic Ferrière (ab 1. Februar 2011) und Julia Walter-Roszjár (ab 1. Februar 2014). Im Zuge von Forschungsprojekten, die vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert werden, arbeiten zeitweise an der Abteilung Georg Hoinkes (1972 bis 1974), Alfred Kracher (bis 1977), Rainer Schultz-Güttler (1977), Franz Brandstätter (bis 1982), Theodoros Ntaflos (bis 1992), Thomas Presper (1992 bis 1994), Jürgen Walter (1994 bis 1995), Cecile Engrand (1996) und Aurore Hutzler (2015 bis 2017).

 

In den 1970er Jahren können in zunehmendem Maße wieder wichtige Erwerbungen in- und ausländischer Neufunde einesteils durch Ankauf, andernteils durch Tausch, getätigt werden. Der Schausammlungsbereich wird modernisiert und abschnittsweise auch mit der elektrischen Beleuchtung der Schausammlung begonnen. Den Anfang macht der Saal IV, in dem ein Bereich der neuaufgestellten Edelsteinsammlung gewidmet wird. Im Zeitraum 1973-1975 ist die gesamte Schausammlung wegen Umbauarbeiten geschlossen. Die Säle I-III werden 1976 wieder eröffnet; der neu gestaltete Edelsteinsaal (Saal IV) wird am 8. November 1977 feierlich eröffnet. Speziell gesicherte Tresorvitrinen gestatten nun, die lange Zeit unter Verschluß gehaltenen wertvollsten Bestände der Sammlung wieder den Besuchern zu zeigen. Die komplett neu aufgestellte Wandvitrine über Bau- und Dekorgesteine im Saal I wird im März 2015 eröffnet. Eine neu erstellte Wandvitrine zum Thema „Evolution der Minerale“ im Saal I wird im April 2017 der Öffentlichkeit vorgestellt. Zuletzt erfolgt im Jänner 2018 die Eröffnung der komplett renovierten und völlig neu aufgestellten Edelsteinvitrine im Saal IV.

 

Die apparative Ausstattung der Abteilung kann enorm gesteigert werden. Schrittweise werden ein modernes Zeiss Forschungsmikroskop, eine Elektronenstrahl-Mikrosonde (1974), eine Röntgendiffraktometeranlage (1975), ein Rasterelektronenmikroskop mit energiedispersivem Analysenzusatz (1990), ein modernes Röntgendiffraktometer (1992), ein Leitz-Forschungsmikroskop (1994; mit Teilunterstützung durch die Forschungsförderung) und ein UV-VIS-NIR-Spektrometer (2002) angeschafft. Auch werden das chemische Labor und die Präparation erneuert. Im Zuge des Baus eines unterirdischen Speichers für das Museum ab 1991 bekommt 1994 auch die Mineralogisch-Petrographische Abteilung einen neuen Depotraum und 1996 wird (der schon überfällige) Bibliotheksausbau im Hochparterre fertiggestellt. Im Jahr 2012 konnten ein modernes Rasterelektronenmikroskop mit verschiedenen Zusätzen (energiedispersive Röntgenspektralanalyse, Elektronenrückstreubeugung, Kathodolumineszenz und Niedervakuumeinrichtung) und eine State-of-the-art Elektronenmikrosonde gekauft werden. Diese zwei Instrumente wurden später der neu geschaffenen Abteilung „Zentrale Forschungslaboratorien“ zugeordnet.

 

Literatur

  
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