das vereinigte k.k. naturalien-cabinet

Kaiser Franz I. benutzte die durch den Abgang von Stütz sich ergebende Zäsur zur Abtrennung des nunmehrigen "Physikalisch-Astronomischen Cabinets" vom "Vereinigten k.k. Naturalien-Cabinet", das bis 1851 Bestand hatte. Die Leitung des neuen Museums in Wien übernimmt Carl von Schreibers, der schon unter Leopold II., neben Johann Paul Carl von Moll und Leopold von Fichtl an der Neuaufstellung der Naturaliensammlung - wenn auch nur am Rande - mitgewirkt hatte und auch die Lehrkanzel für spezielle Naturgeschichte an der Wiener Universität innehatte.

 

Schreibers war vielseitig interessiert und entwickelte eine gewisse Vorliebe für Mineralogie und Meteoritenkunde. Seine Hauptaufgabe bestand auf besonderem Wunsch des Kaisers aber in der völligen Neuorganisation der ihm anvertrauten Sammlungen. Angestrebt wird eine wissenschaftliche, dem Vorbild des Pariser Museums nachempfundene, Neuaufstellung der Bestände, insbesondere der zoologischen und botanischen Objekte.

 

1807 veröffentlichte der jüngere Sohn des Direktors-Adjunkten Johann Baptist Megerle (seit 1803 von Mühlfeld), Johann Georg Megerle von Mühlfeld, der früher in der entomologischen Abteilung des kaiserlichen Naturalien-Cabinets unentgeltliche Dienste geleistet hatte, das von Stütz vollendete, aber nicht mehr herausgebrachte Werk "Mineralogisches Taschenbuch, enthaltend eine Oryctographie von Unterösterreich zum Gebrauche reisender Mineralogen". Das Büchlein liefert uns heute eine Fülle von Informationen über die frühe Zeit des Sammelns im weiteren Wiener Raum.

 

1816 wird der schon seit 1814 in der Abteilung der Reptilien und Fische am Thier-Cabinet tätige Abbé Rochus Schüch aushilfsweise dem Mineralien-Cabinet zugeteilt. Er versieht seinen Dienst hier bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1817 und hält auch Vorlesungen über Mineralogie (FITZINGER, 1868). Im gleichen Zeitraum kommt auch Paul Maria Partsch, über die Bekanntschaft mit Schüch, in Kontakt mit dem Mineralien-Cabinet und hilft hier nicht nur bei Ordnungsarbeiten mit, sondern betätigt sich freiwillig und unentgeltlich bei der wissenschaftlichen Anordnung und Beschreibung der Sammlung des Oberstkämmerers und obersten Chefs der kaiserlichen Naturaliensammlungen, Rudolph Graf von Wrbna-Freudenthal.

 

1817 gibt Schüch seine Kustodenstelle am Kabinett auf und übernimmt die Stelle eines Bibliothekars der Erzherzogin Leopoldina, die er in der Mineralogie unterrichtet hatte. Die Hoffnungen des Oberstkämmerers Graf Wrbna und des Direktors Schreibers, dass Partsch, der an seiner mineralogischen Weiterbildung eifrig arbeitet, die freiwerdende Kustodenstelle übernehmen könnte, erfüllt sich aufgrund von Intrigen des damals allmächtigen Staatsrathes Freiherrn von Stifft allerdings nicht. Darüber hinaus scheidet im mineralogischen Cabinet im gleichen Jahr auch der hier seit 1811 tätige Stipendiat Benjamin Scholz aus, da er zum Professor der Chemie am k.k. polytechnischen Institut, der heutigen Technischen Universität, ernannt worden war.

 

Die Vermählung von Erzherzogin Leopoldina mit dem Kronprinzen von Brasilien, Dom Pedro, veranlaßt Kaiser Franz I. 1817 eine naturhistorische Expedition zur Erkundung des riesigen Landes auszurüsten. Die mineralogischen Belange dieses großen Unternehmens nimmt der supplierende Professor für allgemeine Naturgeschichte an der Prager Universität, Johannes Emanuel Pohl, der in Staatsrath von Stifft einen großen Gönner hat, wahr. Die Forschungsreise, an der in unterschiedlichsten Zeitabschnitten insgesamt mehr als 10 Personen teilnehmen, unter ihnen auch der bekannte Landschaftsmaler Thomas Ender, dauert fast zwei Jahrzehnte und erbringt für die Wiener Sammlungen auf allen Gebieten reiche Ausbeute. Die nach Europa gelangenden Bestände sind so umfangreich, dass damit zunächst ein eigenes Museum, das sogenannte "Brasilianische Museum", im Harrach’schen Hause in der Johannesgasse (heute Nr. 7), eingerichtet werden muß. Erst nach Schließung dieses Museums 1836 gelangen die reichen Bestände in die verschiedenen Sammlungen. Die dem Naturalien-Cabinet überantworteten Mineralien und Gesteine werden in einem eigenen Katalog zusammengefaßt. Darunter befinden sich von Wurzeln überwachsene Bergkristalle, Topasgerölle u.v.a.

 

Die Edelsteinsammlung erhält bedeutende Zuwächse durch Legate des k.k. Staatskanzleirathes von Hoppe im Jahr 1821, dessen Vermächtnis eine wertvolle Sammlung von Ringen, mit Smaragden, Rubinen, Saphiren und Diamanten von zum Teil allerbester höchster Qualität beinhaltet. Vom Hofjuwelier M. Cohen wird die Sammlung um eine Kollektion roher und geschliffener Diamanten, samt Apparaturen und Gerätschaften zu deren Bearbeitung bereichert (die Apparaturen werden später leider aus dem Inventar ausgeschieden).

 

Friedrich Mohs wird auf Veranlassung des Staatsrathes Andreas Freiherrn von Stifft ab 1827 mit der Neuordnung der Mineraliensammlung des Mineralien-Cabinets betraut, wo er bis 1835 auch seine Vorlesungen abhält, da er die entsprechende Sammlung der Universität als dafür nicht geeignet betrachtet. Bei der Neuaufstellung unterstützen ihn Kustos Johann Carl Megerle von Mühlfeld und der seit 1824 am Mineralien-Cabinet als Aufseher beschäftigte Paul Partsch; zusätzlich dazu arbeitet auch der Neffe des Kustos Megerle von Mühlfeld, Maximilian, freiwillig an diesem Unternehmen mit, das tatsächlich noch im selben Jahr abgeschlossen werden kann. Die Beschreibung dieser Neuaufstellung verfaßte PARTSCH (1828).

 

1827 wird die berühmte, von Friedrich Mohs bearbeitete und beschriebene Mineraliensammlung des Großhändlers Jacob Friedrich van der Null (später "van der Nüll" geschrieben) für das Mineralien-Cabinet angekauft. Diese Sammlung wurde verschiedentlich von den Zeitgenossen als die schönste und in "oryctognostischer Hinsicht wohl auch als die bedeutendste in ganz Deutschland" gerühmt. Van der Nüll hat jedenfalls im Zeitraum von etwa 10 Jahren nicht weniger als elf bedeutende private Sammlungen aufgekauft, besuchte Mineralienversteigerungen, die es um diese Zeit auch in Wien gegeben hat, und trachtete, die jeweils besten Stücke eines Fundes, der auf den Markt kam, zu erwerben. Er trieb Tausch, bedachte eine möglichst vorteilhafte Aufstellung des Erworbenen und gab zuletzt dem Mineralogen Friedrich Mohs den Auftrag, die Sammlung systematisch zu ordnen und einen entsprechenden Katalog nach den neuesten Erkenntnissen der Mineralogie zu erstellen (MOHS, 1804). Mohs nimmt dies zum Anlaß, seine eigenen, etwas umstrittenen Vorstellungen von der Systematik der Mineralien seinen Zeitgenossen zu präsentieren.

 

1834 erhält Mohs, neben seiner Professur an der Universität Wien, auch eine der frei gewordenen Kustodenstellen am Mineralien-Cabinet. Im September 1835 wird Mohs seiner Verpflichtung als Kustos am Mineralien-Cabinet entbunden und als wirklicher Bergrath an das Montanistikum in Leoben (der heutigen Montanuniversität) versetzt. Aufseher Paul Partsch wird gleichzeitig zum Kustos am Mineralien-Cabinet bestellt. Ende 1835 geht auch der Kustos Johann Carl Megerle von Mühlfeld, der schon unter Stütz die Sammlung betreut hatte, in Pension.

 

Im Jahr 1836 kommt eine Kollektion russischer Mineralien und "Gebirgsarten" als Geschenk des Zaren Nikolaus I. an Kaiser Ferdinand I. an die k.k. Vereinigten Naturalien-Cabinete. Wertvollstes Objekt dieser Sendung ist ein 548 Gramm schweres Goldnugget aus den Seifenlagerstätten von Miask im Ural.

 

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1844 wird aus dem Inventar der Mineraliensammlung ein großer Posten mit Mineralien und Gesteinen ausgeschieden und der neugegründeten Sammlung des k.k. Montanistischen Museums, dem Vorläufer der heutigen Geologischen Bundesanstalt in Wien (früher k.k. geologische Reichsanstalt; gegründet am 15. November 1849), einverleibt. Nach dem 2. Weltkrieg kommen Teile dieser Bestände wieder an die Mineralogisch-Petrographische Abteilung des Naturhistorischen Museums zurück.

 

Im Revolutionsjahr 1848 erleiden die Naturalien-Cabinete teilweise schmerzliche Verluste, da Teile der Sammlungen und der Depots im Dachgeschoß der Hofburg durch Beschuß in Brand geraten. Insbesondere werden die wertvolle Privatbibliothek von Schreibers und viele seiner wissenschaftlichen Aufzeichnungen ein Raub der Flammen. Das Mineralien-Cabinet selbst bleibt aber von diesen Zerstörungen verschont.

 

Schreibers gelingt es während seiner Direktorentätigkeit 1807-1851 auch, die jährliche Dotation für Mineralienankäufe deutlich zu erhöhen. So erhält die Mineraliensammlung nun steten Zuwachs. Der Bestand der erdwissenschaftlichen Sammlung steigt somit innerhalb weniger Jahre um einige Tausend Stück an. Insbesondere kommt auch eine Reihe interessanter Meteoritenfunde nach Wien - Campo del Cielo ("Tucuman"), Benares, Stannern. Auf Anregung von Schreibers wird diesen außerirdischen Körpern ein eigener Sammlungsraum gewidmet, der Grundstein für die heute so bedeutende Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums ist gelegt!

Schreibers tritt mit Ende 1851 in den Ruhestand; am 21. Mai 1852 stirbt er.

 

Literatur