geschichte

Aufgaben und Umfang der „Anthropologie" wurden und werden unterschiedlich definiert. Die frühesten Konzepte waren ontologisch, erst zu Beginn des 19. Jhdts. findet dieser Begriff im naturwissenschatlich-medizinischen Kontext Verwendung.

 

Die Voraussetzungen für die Institutionalisierung eines neuen Faches „Anthropologie" waren etwa um die Mitte des 19. Jhdts. gegeben, was sich in der fast gleichzeitigen Gründung zahlreicher Anthropologischer Fachgesellschaften in vielen Ländern Europas dokumentiert. In diesen Fachgesellschaften waren neben dem naturwissenschaftlichen Teilfach Anthropologie die Kulturwissenschaften Ethnologie und Urgeschichte vereint. „Anthropologie" war also nicht nur eine durch ihr exaktes methodisches Repertoire ausgezeichnete naturwissenschatliche Disziplin, sondern gleichzeitig auch Oberbegriff einer kollektiven Wissenschaft, wie sie es in den angelsächsischen Ländern bis heute geblieben ist.

 

1870 wurde auch in Wien eine „Anthropologische Gesellschaft" gegründet, die durch ihr engagiertes Forschungs- und Expeditionsprogramm rasch hohes Ansehen erwarb. Daß sich unter den renommierten Gründungsmitgliedern dieser Gesellschaft u.a. auch Ferdinand von Hochstetter, ein Theologe und Geologe mit großem Interesse an einer „Wissenschaft vom Menschen" befand, sollte ausschlaggebend für die Institutionalisierung der Anthropologie im neuen k.u.k. Naturhistorischen Hofmuseum sein: Betraut mit der Erstellung eines Organisationsplanes gelang es Hochstetter, 1876 die Genehmigung für die Gründung einer Anthropologisch-ethnographischen Abteilung zu erwirken. Damit war die erste staatliche Forschungsstelle für Anthropologie in Österreich geschaffen.

 

Gegenstand dieses neuen, über eine „objektive Methode", die Metrik, verfügenden Wissenschaftszweiges war die vergleichende Morphologie und Anatomie, insbesondere die deskriptive Osteologie und Kraniologie heutiger und früherer Menschen, also das Studium der „Variationen innerhalb des Menschengeschlechts" (s. Spiegel-Rösing & Schwidetzky 1982).

 

Dieser Entwicklung Rechnung tragend war man zunächst auch in Wien darum bemüht, die Sammlungen als Basis für die wissenschaftliche Arbeit rasch auszubauen. Ein wesentlicher Teil der in dieser Zeit vielfach unsystematisch akquirierten osteologischen und ethnographischen Bestände wurde im Zuge von Forschungsreisen und Expeditionen (z.B. Novara Expedition) erworben; Donationen (u.a. von der Anthropologischen Gesellschaft), Ankäufe, Tausch und Aufsammlungen, sowie Grabungstätigkeit (z. B. in Hallstatt) führten zu einem raschen Anwachsen der Bestände, sodaß von Hochstetter 1882 eine Sammlungsgliederung (anthropologisch-prähistorische und ethnographische Sammlung) vornahm.

 

Im Jahr 1924 wurde die Anthropologisch-ethnographische Abteilung schließlich in drei eigenständige Abteilungen, eine Anthropologische, Prähistorische und Ethnographische Abteilung, geteilt. 1927 wurde die Ethnographischen Abteilung in einen Trakt der Hofburg räumlich ausgegliedert, die administrative Trennung wurde 1946 vollzogen.

Diese museal-strukturalen Entwicklungen stehen in ursächlichem Zusammenhang mit der an der Abteilung bis in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg forcierten Sammlungspolitik und den Forschungsinteressen der ersten Abteilungs- und Sammlungsleiter.

 

Das Forschungsinteresse war geprägt von dem einem Naturkundemuseum dieser Zeit immanenten Anspruch auf systematische Kategorisierung und die Erforschung der biologischen Vielfalt menschlicher Bevölkerungen sowie ihrer Herkunft. Anthropologie gerierte sich aus dem Studium der Unterschiede zwischen den Menschen und war bzw. ist, nach Kattmann (1992), daher über weite Strecken der Fachentwicklung mit Rassenkunde gleichzusetzen; Anthropologie war aber gleichzeitig auch eine liberale Wissenschaft, welche kreationistischen Dogmen entgegenwirkte.

 

Die ersten Vertreter unseres Faches, sowohl F. von Hochstetter, als auch J. Szombathy, ebenfalls ein Geologe, Paläontologe und Anatom, und J. Bayer haben sich um die Erschließung zahlreicher wichtiger paläolithischer Fundplätze und Gräberfelder (prä)historischer Zeit verdient gemacht (z.B. Willendorf) und eine Tradition begründet, die bis in die heutige Zeit fortwirkt und sich in einer inter- und transdiziplinären, projektorientierten erfolgreichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Anthropologie niederschlägt. So stammt u.a. auch die anthropologische Erstbeschreibung unserer wertvollsten Sammlungsobjekte, der jungpaläolithischen menschlichen Skelettreste von Lautsch (Südmähren, s. Osteologische Sammlung) aus der Feder Szombathys.

 

Die Erkenntnisse in der Vererbungslehre nach der Jahrhundertwende hatten einen Paradigmenwechsel in der Anthropologie zur Folge, d.h. es erfolgte ein Wandel von einer metrisch-morphologisch ausgerichteten hin zu einer eher biologisch-vererbungswissenschaftlich orientierten Anthropologie. Am Naturhistorischen Museum in Wien konzentriert sich die anthropologische Forschung nunmehr vermehrt auch auf die systematische Erhebung und Beschreibung physischer Merkmale am Lebenden („Feldforschung"), auf die sogenannte Bevölkerungsbiologie, insbesondere zwischen 1920 und 1935.

 

Diese Analysen wurden vor allem als Beitrag zu ethnohistorischen Fragestellungen verstanden. Repräsentativ für diese Forschungsschwerpunkt-Verlagerung ist der damalige Leiter der Abteilung, Viktor Lebzelter, der an europäischen und außereuropäischen Bevölkerungen, z.B. in Südafrika, anthropologische, ethnologische und linguistische Untersuchungen vornahm; Resultate dieser Untersuchungen fließen nun auch in immer stärkerem Maße in Ausstellungsprojekte bzw. „Bildungs-Vorhaben" ein. 1930 wurde der „Saal der Menschheit" eröffnet; wenige Jahre später, 1936, ein sogenanntes „rassenbiologisches Museum" eingerichtet, worin sich bereits der Einfluß der sich entwickelnden nationalsozialistischen Rassenideologie andeutet.

 

In der Zeit von 1938-45 stand J. Wastl zunächst als Leiter, später als Direktor der Abteilung vor. Die von ihm und seinen Mitarbeitern vorgenommenen Sammlungsakquisitionen und seine Rolle als Initiator zahlreicher Projekte von anthropologischen Untersuchungen am Lebenden (Erhebungen in Kriegsgefangenenlagern, an internierten und später deportierten Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft), sowie die Aktivitäten im Öffentlichkeitsbereich des Museums, welche die politische Instrumentalisierung des Faches und eine affirmative Rolle der Kuratoren belegen, sind zur Zeit Gegenstand zweier aktueller interdisziplinärer Projekte (siehe Senatsbericht, CD-ROM).

 

Auch die jüngere Geschichte, d.h. die Fachentwicklung nach dem 2. Weltkrieg, die von den Direktoren R. Routil, W. Ehgartner, J. Jungwirth und J. Szilvassy geprägt wurde, ist bis dato unzureichend wissenschaftshistorisch analysiert, wiewohl wir die Fortsetzung des traditionell-musealen, auf Fragen der prähistorischen Anthropologie konzentrierten Forschungsinteresses konstatieren können.

 

Die letzten Jahre sind geprägt von innovativen methodischen Neuerungen und Fragen der Standortbestimmung, wobei von namhaften Fachvertretern eine fundamentale Verschiebung der Blickrichtung gefordert wird. Nach Kattmann (1992) und Herrmann (1998) müssen in einer Neuen Anthropologie sowohl biologische als auch gesellschaftswissenschaftliche Aspekte verknüpfbar sein, da das komplexe Konstrukt „Mensch" als biologisches und kulturelles Wesen nicht partikularistisch behandelt werden kann.

 

Literatur hiezu:

  • Herrmann, B. (1998) Stillstand und Aufbruch. Thesen zu Kontinuität und Wandel in der Anthropologie. Vortrag 1.10.1998, GfA-Tagung 1.-3-10.1998, Göttingen.
  • Kattmann, U. (1992) Anthropologie. Wissenschaft im Spannungsfeld zwischen Mißbrauch und Verantwortung. Biologie heute 398, 1-4.
  • Spiegel-Rösing, I. & Schwidetzky, I. (1982) Maus und Schlange. Untersuchungen zur Lage der deutschen Anthropologie. R. Oldenbourg Verlag, München, Wien.