archäologisch-zoologische sammlung

Die Archäologisch-Zoologische Sammlung beschäftigt sich überwiegend mit der Erforschung der Ur- und Frühgeschichte der Haustiere und der Viehwirtschaft. Zu ihren Interessen zählen die Geschichte der Domestikation sowie die Geschichte der Wildfauna vor allem während der letzten zehn Jahrtausende. Sie ist daher eine fächerübergreifende Einrichtung zwischen Zoologie, Haustierkunde, Paläontologie und vor allem Ur- und Frühgeschichte. Der größte Teil aller Untersuchungen wird auf Ersuchen archäologischer Stellen durchgeführt. Die archäologische Forschung stützt wesentliche Schlussfolgerungen auf naturwissenschaftliche Grundlagen, darunter eben auch auf archäozoologische Befunde.

 

Die Archäologische Zoologie, kurz Archäozoologie oder auch Osteoarchäologie genannt, erarbeitet ihre Resultate in erster Linie durch die Untersuchung von Tierknochenfunden aus archäologischen Grabungen. In den meisten Fällen bildet der an vielen ur- und frühgeschichtlichen Siedlungsplätzen in großer Zahl erhalten gebliebene, meist stark zerstückelte Knochenabfall die einzige Materialgrundlage. Nur ausnahmsweise finden sich auch mehr oder weniger vollständige Tierskelette. Auch in urzeitlichen Menschengräbern werden immer wieder Tierknochen aus ehemaligen Speisebeigaben oder seltener auch ganze Tierskelette von mitbestatteten Tieren geborgen.

 

In jedem Fall erfordert die Analyse der Funde zunächst eine Bestimmung der Knochenstücke. Soweit als möglich werden Tierart, Geschlecht, Lebensalter, Größe, Gestalt, pathologische Erscheinungen und Schlachtspuren untersucht. Wichtig ist auch die Unterscheidung von Wild- und Hausform einer Tierart. Die Gesamtheit der Resultate ermöglicht faunengeschichtliche, haustierkundliche und wirtschaftsarchäologische Schlüsse.

die wissenschaftliche sammlung

Drei wissenschaftliche Sammlungsteile stellen wichtige Instrumente zur Bewältigung der Forschungsaufgaben der Archäologisch-Zoologische Sammlung dar. Es sind die osteologische Vergleichssammlung, die Adametz-Sammlung und die Sammlung archäologischer Fundkomplexe.

Osteologische Vergleichssammlung

Da die Bestimmung von Knochenbruchstücken nicht etwa wie bei rezenten Tieren nach einem Bestimmungsschlüssel erfolgen kann, bildet die osteologische Vergleichssammlung den wichtigsten Arbeitsbehelf. Ein großer Teil der Funde muss im direkten Vergleich mit der Referenzsammlung zugeordnet werden. Dafür enthält die Vergleichssammlung eine übersichtliche, nach anatomischen Kriterien angeordnete und auf praktische Erfordernisse ausgerichtete Aufreihung der Einzelknochen des größten Teils aller in archäologischen Fundkomplexen Mitteleuropas vorkommenden Säugetierarten. Zusätzlich stehen auch einige häufiger vorkommende Vogelarten zur Verfügung. Die einzelnen Arten sind nach Möglichkeit durch unterschiedlich große und verschieden alte Individuen sowie durch beide Geschlechter, Haus- und Wildform usw. vertreten. Für darüber hinausgehende Knochenfunde müssen andere Sammlungen konsultiert werden. Da die Vergleichssammlung ständig durch die Archäologisch-Zoologische Sammlung selbst benötigt wird, sind Leihgaben nur in Ausnahmenfällen möglich. 

Adametz-Sammlung

Sammlungen von Schädeln alter Haustierlandrassen stellen international eine Rarität dar. So gibt es nur wenige vergleichbare Sammlungen, die den Umfang der Adametz-Sammlung von rund 1.300 Schädeln großer Haussäuger übertreffen. Unsere Sammlung geht auf Professor Leopold Adametz, 1898 bis 1932 Inhaber des Lehrstuhls für Tierzucht an der damaligen Hochschule für Bodenkultur in Wien, zurück. Adametz versuchte nicht nur exemplarische Belege für die Morphologie der einzelnen Rassen zu erwerben, sondern durch craniologische Serien einen Überblick über deren jeweilige Variationsbreite zusammenzustellen. Die Sammlung diente vor allem als Grundlage für vergleichend morphologische Studien über die Stammesgeschichte der landwirtschaftlichen Nutztierrassen. Adametz war seiner Zeit weit voraus, indem er in den alten, mitunter über viele Jahrhunderte an lokale ökologische Bedingungen adaptierten Landrassen ein genetisches Potential erblickte, dessen Bedeutung von der modernen, rein ertragsorientierten Tierzucht zunehmend unterschätzt wurde. Nur mit Mühe konnte 1976 die inzwischen für bedeutungslos erachtete Adametz-Sammlung vor der Vernichtung gerettet und ans Naturhistorische Museum übergeben werden, wo sie für die Archäologisch-Zoologische Sammlung wertvolles Vergleichsmaterial lieferte. Erst in jüngster Zeit, nachdem bereits viele der alten Rassen verschwunden sind, gelten Adametz' Grundgedanken wieder als höchst aktuell.

Sammlung archäologischer Fundkomplexe

Sofern es sich nicht um zurückzugebendes Eigentum anderer Institutionen handelte, wurden alle bisher in der Archäologisch-Zoologischen Sammlung bearbeiteten Tierknochenfundkomplexe aus archäologischen Grabungen in geordneter und zugänglicher Form aufbewahrt. Die Sammlung verwendet dazu ein normiertes Kartonagensystem mit einlegbaren Trenntassen, das auch für tausende Fragmente umfassende Fundkomplexe die prinzipielle Beibehaltung basaler systematischer und anatomischer Ordnung ermöglicht. Die dauernde Aufbewahrung erfolgt im Tiefspeicher des Museums. Aus der Zugänglichkeit aller bestimmten Fundkomplexe ergibt sich die Möglichkeit zum wechselweisen Vergleich von Fundserien. Damit kann später erwachsenden Fragestellungen, wie etwa nach der räumlichen und zeitlichen Verbreitung bestimmter Formen und Merkmale unabhängig von der ersten Bestimmung und Bearbeitung nachgegangen werden.

 

Die Sammlung archäologischer Fundkomplexe umfasst bis jetzt rund 800 Komplexe vorwiegend aus Österreich mit zusammen mehr als 800.000 größtenteils bereits bestimmten Einzelfunden. Der umfangreichste Teil des Grabungsmaterials stammt von neueren Ausgrabungen. Nur ein kleiner Teil wurde aus dem Inventar der Prähistorischen Abteilung des Museums übernommen und stammt aus Ausgrabungen älteren Datums. Zwei in München bearbeitete, doch aus Österreich stammende Fundkomplexe wurden vom Institut für Paläoanatomie der Universität München übergeben. Die einzelnen Fundkomplexe weisen äußerst unterschiedliche Materialumfänge auf, die zwischen einem einzigen Fundstück und zigtausenden Funden variieren können. Die chronologische Stellung der Komplexe reicht vom Paläolithikum bis ins 20. Jahrhundert. Materialschwerpunkte ergeben sich für das Neolithikum und die Römerzeit, doch sind die meisten Kulturen und Zeitstufen Österreichs belegt.