30. November 2020

Lebensmittel: Immer. Alles. Sofort.


Die neue Konsumwelt der Supermärkte entstand Anfang der 1960er Jahre aus den ersten Selbstbedienungsläden. Eine bis dahin unbekannte Vielfalt an Lebensmitteln in Kombination mit dem damals revolutionären Konzept der Selbstbedienung ließ kleine Läden zu riesigen Konzernen heranwachsen.

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Heute müssen Lebensmittel immer verfügbar sein, im Idealfall rund um die Uhr und an jedem Tag der Woche. Hunger als Antrieb für den Kauf hat immer weniger Bedeutung. Produkte sind Träger emotionaler Botschaften. Wir kaufen Dinge nicht, weil wir sie brauchen, sondern weil wir sie vielleicht irgendwann einmal brauchen könnten. Der Handel sorgt dafür, dass die Konsument*innen nicht nur für jedes Bedürfnis, sondern auch für jede Stimmung bedient werden. Anders ist etwa das Angebot von über 100 Joghurtsorten nicht zu erklären.


Eiskalt kalkuliert:
Verschwendung, über die man nicht spricht
 
Erzeuger von Tiefkühlgerichten und Speiseeis müssen kostengünstig kalkulieren und daher regelmäßig in großen Mengen produzieren. Der Verkauf ist aber sehr vom Konsumverhalten abhängig und wird durch Trends, Jahreszeiten und Wetter beeinflusst. Bei Tiefkühlprodukten wird das Mindesthaltbarkeitsdatum sehr strikt gehandhabt. Ist dieses überschritten, werden regelmäßig ganze LKW-Ladungen an Fertiggerichten, Tiefkühl-Torten und Speiseeis direkt aus den Lagern entsorgt.

Auch in Haushalten landen Teile überdimensionierter Großeinkäufe regelmäßig im Müll: „Zwei zum Preis von einem“-Angebote, XXL-Packungen mit Mengenrabatt, die aufgetaut und geöffnet, aber nicht aufgegessen werden, … Oft werden die vermeintlichen Ersparnisse von Pommes frites-, Eis- oder Meeresfrüchte-Großpackungen zur Gänze als Lebensmittelabfälle weggeworfen.
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Wie super ist „Convenience Food“?
 
Tiefgekühlte Fertiggerichte sind bequem und passen zum schnellen, modernen Lebensstil. Sie haben aber auch Nachteile. Zum Beispiel werden Pizza, Lasagne, Cordon bleu und überbackene Baguettes oft mit minderwertigen Rohstoffen produziert: mit billigem „Formfleisch“, mit Kunstkäse aus dem Labor, mit Palmöl und gesättigten Fetten, mit Eiern oder Eiweißpulver aus Hühnerfabriken. Sie enthalten zu viel Salz, Fett und Zucker, außerdem Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel. Diese Kombination ist nicht nur ungünstig für Verdauung und Immunsystem, sondern fördert auch Übergewicht.

Tiefkühlkost ist ein „Klimakiller“, wenn billige Lebensmittel aus Ländern ohne Umweltstandards zugekauft und in Niedriglohnländern verarbeitet und abgepackt werden. Das verursacht lange Transportwege mit hohem CO2-Ausstoß und enormen Ressourcenverbrauch.

Bunte Verpackungen sind wie Werbeplakate: Sie sind meist größer als ihr Inhalt und machen oft irreführende Versprechungen. So kann eine Schachtel mit Lammhüfte die Abbildung eines teureren Lammrückens zeigen und als „Lammsteak“ beschriftet sein.
27. November 2020

Landwirtschaft im Wandel der Zeit


Um Nahrung zu gewinnen, haben Menschen bereits vor Tausenden von Jahren begonnen, das Land zu bewirtschaften. Die Landwirtschaft hat sich seit ihren Anfängen jedoch stark verändert, geprägt von den technischen Entwicklungen der verschiedenen Epochen.

Eine Zeitachse veranschaulicht diese Entwicklung:

Die altsteinzeitlichen Menschen passten sich an den Wander-Rhythmus der großen Tierherden an. Im engen Zusammenleben mit der Natur wurden die vorhandenen Ressourcen optimal genutzt.

Der Mensch wurde sesshaft und begann, seine Umwelt massiv zu verändern:
Teile des Waldes wurden für Äcker, Weiden und für den Hausbau gerodet. Bauern aus Kleinasien brachten im 6. Jahrtausend v.Chr. die ersten Kulturpflanzen und Haustiere nach Europa.

Die Erfindung von Hakenpflug, Rad und Wagen im 4. Jahrtausend v.Chr. war die Basis für eine intensivere Landwirtschaft. Die Überproduktion in der Landwirtschaft ab der mittleren Bronzezeit führte zu einer Arbeitsteilung in der Gesellschaft und damit zu immer größeren sozialen Unterschieden.
Die Kelten betrieben regelmäßigen Fruchtwechsel auf ihren Feldern und ließen zur natürlichen Düngung das Vieh weiden. Pflüge mit eiserner Pflugschar ermöglichten intensiven Ackerbau. In den von den Römern unterworfenen Gebieten entstanden erstmals Großbetriebe: Latifundien, die mit Sklaven und später auch mit halbfreien Bauern bewirtschaftet wurden. Düngung und Bewässerung führten zu hohen Erträgen.
 
Das Mittelalter wurde vom Feudalsystem geprägt: Adelige erhielten vom König Land als Lehen und ließen es durch Bauern und Leibeigene bewirtschaften. Karl der Große regelte die abwechselnde Dreifelderwirtschaft und bestimmte die Pflanzen, die dort wachsen sollten.
Mit der Entdeckung Amerikas kamen neue Kulturpflanzen wie Mais, Kürbis, Tomaten und Paprika nach Europa. Ab dem 18. Jahrhundert wurde die aus Südamerika stammende Kartoffel wichtig für die Ernährung der wachsenden Bevölkerung.
Mit der Aufhebung der Grundherrschaft im Revolutionsjahr 1848 wurden die Bauern zu Unternehmern. Mineraldünger, die Trockenlegung von feuchten Wiesen und Bewässerungsprojekte veränderten die Landwirtschaft.
 
Nach dem Ersten Weltkrieg begann eine massive Technisierung der Landwirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde verfügbares „Ödland“ in Europa entwässert, gerodet, planiert und zusammengelegt. Kunstdünger, Unkrautvernichter und Spritzmittel kamen und kommen vermehrt zum Einsatz.
25. November 2020

Lebensmittelabfälle in Österreich


Vom Feld bis zum Haushalt fallen vermeidbare Lebensmittelabfälle in der Wertschöpfungskette an.
 
In der Landwirtschaft werden Obst und Gemüse bereits am Feld zurückgelassen oder vor der Weiterverarbeitung aussortiert, weil sie nicht den Vorgaben der Industrie und des Handels entsprechen. Diese Lebensmittel werden weder vermarktet noch an soziale Einrichtungen weitergegeben. Für die menschliche Ernährung sind sie verloren.
 
In der Produktion fallen 121.800 Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr an. Ursachen sind technische Störungen, Unter- oder Übergewicht der Produkte, Fehl-Etikettierungen, Beschädigung beim Transport oder Nicht-Einhaltung der Kühlkette.
 
Im Groß- und Einzelhandel fallen jährlich Verluste von über 80.000 Tonnen an. Gründe sind die Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums, Beschädigungen im Lager oder beim Transport sowie Reklamationen. 6.600 Tonnen werden vom Handel an soziale Einrichtungen weitergegeben. 35.000 Tonnen an nicht verkauftem Brot und Gebäck werden an die Lieferanten zurückgegeben.
 
Lebensmittelabfälle bei der Außer-Haus-Verpflegung werden auf 156.000 bis 258.000 Tonnen pro Jahr geschätzt. Der Anteil an vermeidbaren Lebensmittelabfällen ist in Großküchen am höchsten (22%), gefolgt von Verlusten im Buffetbereich (20%).
 
In österreichischen Haushalten werden jedes Jahr 206.000 Tonnen vermeidbarer Lebensmittelabfälle produziert. Die Ursachen sind schlechte Planung, überschrittenes Mindeshaltbarkeitsdatum und falsche Lagerung. Diese Lebensmittelabfälle machen 14,5% der Restmüll-Masse aus. Durchschnittlich wirft jeder Haushalt in Österreich 43kg noch genießbarer Lebensmittel in den Müll….
 
Wie sich diese Menge aufteilt, ist im folgenden Video visualisiert:

23. November 2020

Industrielle Landwirtschaft


Die industrielle Landwirtschaft prägt die gegenwärtige Nahrungsmittelproduktion.
Aber wie wirkt sie sich auf die Umwelt – den Boden selbst, aber auch auf Ökosysteme – aus?

Ein Abriss:
Die industrielle Landwirtschaft produziert ein Drittel unserer Treibhausgase und verbraucht 70 % des Süßwassers. Massentierhaltung und die Überfischung der Weltmeere gefährden unzählige Ökosysteme. Monokulturen und der Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln zerstören eine Vielfalt von einzigartigen Lebensräumen und vernichten jedes Jahr zigtausende Tier- und Pflanzenarten. Jährlich werden 30 Millionen Hektar Wald gerodet, planiert und der maschinellen Landwirtschaft geopfert. Saatgut wird mit Fungiziden gegen Schimmel behandelt. Mehrmals pro Jahr werden Insektizide gegen „Schadinsekten“ und Herbizide zur „Unkrautvernichtung“ eingesetzt. Diese chemischen Keulen tragen massiv zum Insektensterben bei. Der Schwund von insektenfressenden Tierarten ist die logische Folge. Am häufigsten wird das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat verwendet, das 2017 von der EU für weitere fünf Jahre zugelassen wurde.
 
„Wir essen Erdöl“ – Diese im ersten Moment irritierende Feststellung geht auf den britischen Ökonomen E.F. Schumacher (1911–1977) zurück. Gemeint ist, dass der Energieverbrauch für die Produktion unserer Nahrung dramatisch hoch ist und weiter ansteigt.
 
Berücksichtigt man Anbau, Düngung, Ernte, Verarbeitung, Lagerung, Transport und Verkauf, so kostet eine Kalorie Nahrung in der modernen Intensiv-Landwirtschaft den Gegenwert von zehn „Kalorien“ Erdöl. Weltweit geht ein Drittel aller produzierten Nahrung verloren – damit werden auch riesige Mengen an Erdöl vernichtet. Einen besonders hohen Verbrauch an fossiler Energie hat die Herstellung von synthetischem Stickstoffdünger. Für eine Tonne Stickstoffdünger sind zwei Tonnen Erdöl erforderlich. Der Erdölbedarf für die Düngung ist deutlich größer als für den Betrieb landwirtschaftlicher Maschinen.
 
In der Intensivlandwirtschaft werden massiv chemische Gifte eingesetzt: um unerwünschte Wildkräuter, Pilze und Insekten zu töten oder um die Haltbarkeit von Saatgut zu verbessern. Diese Gifte haben Auswirkungen auf unsere gesamte Umwelt. Neonicotinoide, als Saatgut-Beizmittel und Sprühmittel verwendet, sind hochwirksame Insektizide. Etwa zehn Tonnen werden jährlich in Österreich versprüht. Sie werden unter anderem für das Bienensterben verantwortlich gemacht.
 
Unsere pflanzliche Nahrung braucht zum Wachsen eine Humusschicht, die nur 20 bis 30 cm dünn ist. Dünger und Spritzmittel, künstliche Bewässerung und Bodenverdichtung durch landwirtschaftliche Maschinen zerstören den Humus – der Boden verliert seine Fruchtbarkeit. Fruchtbare Ackerflächen werden zunehmend Mangelware. Bis sich eine nur 1 cm dicke Humusschicht gebildet hat, dauert es mehr als 100 Jahre.





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© Reinhard Golebiowski


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© Andrew Linscott
19. November 2020

Weltweiter Ressourcenverbrauch


Das Recht auf Nahrung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Gleichzeitig belastet die Herstellung von Nahrungsmitteln die natürlichen Ressourcen der Erde. Ein Drittel aller Klimagase stammt aus der Lebensmittelerzeugung.

In Ländern mit geringem Einkommen werden Lebensmittel oft wegen mangelhafter technischer Ausstattung bei der Ernte, während der Lagerung oder beim Transport ungenießbar, beispielsweise infolge einer unterbrochenen Kühlkette. In Ländern mit hohem Einkommen hingegen sind Lebensmittelverluste zumeist auf die Normen des Handels oder die Sorglosigkeit der Konsumenten zurückzuführen.

Die Müllcontainer hinter den Supermärkten sind gefüllt mit Lebensmitteln, die aus Bequemlichkeit, wegen winziger optischer Mängel oder aus anderen Gründen entsorgt wurden, bevor sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hatten. Der Platz im Supermarktregal ist heiß umkämpft. Oft ist die Nahrung auch nach Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums tadellos. Lebensmittel werden uns in Supermärkten als preisgünstig und kaufenswert präsentiert. In kurzer Zeit kann es aber zu einer dramatischen Entwertung kommen: Wohlschmeckende Nahrung wird aus den Regalen entfernt und landet auf der Rückseite des Supermarktes - im Müll.

Einige prägnante Daten und Fakten zum weltweiten Ressourcenverbrauch zeigt das folgende Video:

17. November 2020

Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird.


Noch vor wenigen Jahrzenten war es unvorstellbar, genießbare Lebensmittel wegzuwerfen.
Das hat sich inzwischen radikal geändert. Schätzungen zufolge landet mindestens ein Drittel der globalen Lebensmittelproduktion auf dem Müll - mit drastischen sozialen und ökologischen Folgen.
Das Mindesthaltbarkeitsdatum, umgangssprachlich oft als Ablaufdatum bezeichnet, ist nur einer von vielen Faktoren für den Verlust von Lebensmitteln.

Die Sonderausstellung des NHM Wien zu diesem Thema startet, sobald das Museum nach der Covid-19-bedingten Schließung wieder öffnen kann. Bis dahin zeigen wir die verschiedensten Inhalte der Ausstellung online auf diesem Blog.

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Was die Ausstellung aufzeigen möchte, beschreibt Generaldirektorin Dr. Katrin Vohland in einleitenden Worten:


„Ablaufdatum“ – ein Synonym für eine der aktuellsten und brennendsten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Die globale Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln beginnt schon auf dem Acker, wo nicht form- oder marktgerechte Kartoffelknollen, Kohlköpfe und Karotten aussortiert werden. In tropischen Ländern vernichten dazu noch Vorratsschädlinge bis zur Hälfte der Ernte. Haben es die Lebensmittel in unsere Supermärkte und Kühlschränke geschafft, werden sie oft in einwandfreiem, genieß-barem Zustand aussortiert, weil das auf der Verpackung aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum von vielen Menschen als Ablaufdatum interpretiert wird.
Wir wollen mit der Ausstellung „Ablaufdatum“ informieren und zum bewussten Umgang mit Lebensmitteln anregen – für mehr Nachhaltigkeit und damit auch im Sinne von Natur- und Klimaschutz. Gemeinsam mit Partnern wie der Wiener Tafel haben wir spannende begleitende Bildungsprogramme für Schulen und Kleingruppen entwickelt. Unser Anliegen ist es, einerseits zu sehr konkreten Handlungsoptionen anzuregen, aber auch die politische und internationale Dimension aufzuzeigen und eine verbindende, lösungsorientierte Diskussionsplattform zu bieten.
 
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