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Bestattungssitten im Hallstätter Gräberfeld

Weit bis in die Altsteinzeit reichen die Belege für verschiedenste Totenrituale, Bestattungssitten und den Glauben an das Weiterleben in einer anderen, jenseitigen Welt. Verschieden und individuell wie die Menschen zu ihren Lebzeiten sind auch ihre Gräber. Kein Grab gleicht exakt dem anderen. Und trotzdem beschreiben alle Bestattungen in ihrer Vielfalt eine gemeinsame Kultur, mit gemeinsamen Wertvorstellungen. Die Umsetzung alter und neuer Grabungsbefunde, verbunden mit neuen Erkenntnissen der Textil-, Färbe-, Leder- und Trachtforschung sowie Überlegungen zur Bevölkerung im eisenzeitlichen Hallstatt, gestatten diese künstlerische Impression einer möglichen Bestattungszeremonie im Hochtal.

Bestattungssitten
Teilverbrennung

 

Lebensbild Gräberfeld

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Nahrungsmittel als Beigaben

Nahrungsmittelreste finden sich in den Gräbern im Hallstätter Gräberfeld noch heute in Form von Tierknochen. Alle übrigen Speise- und Trankbeigaben sind inzwischen in der Erde vergangen. Von anderen Fundorten mit günstigeren Erhaltungsbedingungen weiß man, dass Trank- und Speisebeigaben in der Hallstattkultur üblich waren. Viele der Lebensmittel wurden in jenen Gefäßen aus Metall oder Ton - vereinzelt in Hallstatt auch aus Glas - in den Gräbern deponiert, die heute bei den Ausgrabungen gefunden werden.

Bestattungsritus

Im Hallstätter Gräberfeld lassen sich während der gesamten Nutzungsdauer Brand- und Körperbestattungen nachweisen. Die Brandbestattungen, bei denen die Toten vor der Beisetzung auf einem Scheiterhaufen eingeäschert wurden, sind jedoch seltener. Es fällt auf, dass sich in den Hallstätter Brandgräbern zumeist reichere Beigaben befinden, als in den Körpergräbern des Gräberfeldes. Unter den Brandgräbern wiederum sind jene reicher ausgestattet, bei denen die Asche nicht in einer Urne begraben war, sondern als Brandschüttung ins Grab gelangte. Der Nachweis, dass es in manchen Brandschüttungsgräbern eine hölzerne Grabkonstruktion gab, die man sich in Form einer großen Holzkiste vorstellen kann, gelang in Hallstatt vereinzelt.

Scheiterhaufen

Im Rahmen der Lehrveranstaltung zur experimentellen Archäologie an der Universität Wien wurden seit 2005 Kremationsexperimente durchgeführt. Dabei wurden die notwendigen Voraussetzungen zur vollständigen Verbrennung von Verstorbenen auf einem Scheiterhaufen erforscht. Im Jahr 2012 wurde dazu auf einer Steinplattform en rechteckiger Scheiterhaufen aus ca. 1m langen, trockenen Eichenscheiten errichtet, der im Inneren mit Ästen und Stroh gefüllt war. Darauf wurde ein auf natürliche Weise verstorbenes, 60kg schweres Schwein verbrannt. Der mit Fackeln angezündete Scheiterhaufen stand innerhalb von zwei Minuten in Vollbrand und erreichte eine Höchsttemperatur von 734,4°C. Der Kadaver verbrannte vollständig ohne Nachlegen von weiterem Holz. Es blieben 922g Leichenbrand übrig.

Frauen in priesterlicher Funktion

Über religiöse Vorstellungen und Praktiken in der Hallstattzeit ist nur sehr wenig bekannt. Besondere Beigaben in Frauengräbern, denen man unheilabwehrende Funktionen zuschreibt, werden als Indiz dafür gewertet, dass Frauen Priesterämter ausgeübt haben könnten. In Hallstatt zählen zu diesen Beigaben die Klapperbleche. Wissenschaftler deuten den Lärm, den sie bei Bewegung verursacht haben dürften, als Schutz gegen böse Mächte. In Frauengräbern aus der Zeit von 800 bis 600 v. Chr. (HaC) finden sich diese an Anhängern, in der Zeit zwischen 600 und 400 v. Chr. (HaD) vor allem an Fibeln.

Jenseitsvorstellungen

Über die Jenseitsvorstellungen der Hallstätter in der älteren Eisenzeit wissen wir nur das, was sich aus der Gestaltung ihrer Gräber herauslesen lässt. Die Sitte der Grabbeigaben jedoch wird ganz unterschiedlich interpretiert. Einige Wissenschaftler glauben, dass die mitgegebenen Lebensmittel, Gefäße und Stoffe den Verstorbenen eine Weiterexistenz im Jenseits sichern sollten, die dort selbst auch eine ganz ähnliche Funktion haben könnten, wie jene, die sie zu Lebzeiten innehatten. Dies könnte Waffenbeigaben und Werkzeuge in Gräbern erklären. Da der Körper, wie die Brandbestattungen beweisen, für die Weiterexistenz im Jenseits nicht vonnöten war, dürften auch die Beigaben eher symbolisch zu verstehen sein.

Andere Wissenschaftler interpretieren Beigaben im Grab dahingehend, dass sie das von vielen Kulturen auch in historischer Zeit gefürchtete Wiedergängertum verhindern sollten. Gab man den Toten mit, was ihnen zustand und was sie benötigen könnten – so lautet die Theorie –, kamen sie nicht als Wiedergänger zurück, um es sich selbst zu holen. Daneben gibt es auch einige Wissenschaftler, die glauben, dass man aus den Grabbeigaben weniger über das Jenseits als über das Diesseits erfahren kann. Für sie ist die Sitte der Beigaben eine Demonstration des eigenen Reichtums und die Ehrung der Toten ein Mittel, die Ehrhaftigkeit der gesamten Familie zur Schau zu stellen.

Waffen

Waffen finden sich über die gesamte Nutzungszeit des Gräberfeldes in den Gräbern von Männern. In der Zeit von etwa 800 bis 600 v. Chr. sind es die klassischen Hallstatt-Schwerter, die aus Bronze oder Eisen gefertigt wurden. Die Prunkausgaben unter ihnen zeichnen sich durch kunstvoll hergestellte Elfenbeingriffe aus, die manchmal mit Einlegearbeiten aus Bernstein verziert sind. Insgesamt liegen 20 Schwertfunde aus dem Leichenfeld vor, das letzte kam bei den Grabungen im Jahr 1995 zutage. Kennzeichnend für den jüngeren Abschnitt der Hallstattkultur im Gräberfeld zwischen 600 und ca. 400 v. Chr. (Stufe Ha D) sind die „Antennendolche“ in den Kriegergräbern, was mit einem Wandel des Militärwesens zu dieser Zeit erklärt wird. Die Griffe dieser Prunkwaffen sind oft prachtvoll gestaltet, bis hin zu sehr abstrakt geformten Menschendarstellungen. Das berühmteste Schwert aus dem Hallstätter Gräberfeld datiert bereits in die Latènezeit. Es handelt sich dabei um das Schwert aus Grab 994, dessen aufwendig verzierte Scheide bewaffnete Reiter und Fußkämpfer zeigt und damit eine der ganz wenigen figürlichen Darstellungen dieser Zeit bewahrt hat.

Gefäßbeigaben

Die Gefäßbeigaben, die im Gräberfeld gefunden werden, bestehen aus Keramik, Bronze und Glas. Wie groß die Anzahl der keramischen Beigaben in Hallstatt einst war, kann heute nur geschätzt werden, da die meist in viele Teile zerbrochenen Gefäße bei den frühen Grabungen in der Regel nicht geborgen wurden. Um die zahlreichen kleinen Fragmente, die durchnässt und daher auch sehr weich sind, mit einem vertretbaren Zeitaufwand bergen und anschließend restaurieren zu können, wurde in der Prähistorischen Abteilung zu Beginn der neuen Ausgrabungen am Gräberfeld ein eigenes Bergungsverfahren entwickelt.

Weit seltener als keramische Erzeugnisse, finden sich Beigaben aus Glas in den Gräbern, das in der damaligen Zeit in Mitteleuropa noch nicht hergestellt wurde. Die Glasschalen aus Hallstatt zählen zu den frühesten Glasimporten nördlich der Alpen. Ihr Ursprungsgebiet ist wahrscheinlich der obere Adriaraum.
 

Textilien im Grab

Textile Gewebe gelangten auf unterschiedliche Weise in die Gräber im Hallstätter Salzbergtal. Da die Erhaltungsbedingungen hier jedoch lange nicht so ideal sind wie im Salzberg, sind nur geringe Reste von ihnen erhalten. Zum einen können Textilien bei Körperbestattungen in Hallstatt als Bekleidungsreste der Toten nachgewiesen werden. Meist handelt es sich dabei jedoch streng genommen nicht mehr um das eigentliche Textil, sondern lediglich um den Abdruck, den dasselbe an korrodierenden Objekten, wie zum Beispiel an bronzenen Schmuckstücken, hinterlassen hat.
Nachgewiesen werden konnte außerdem, dass manche Grabbeigaben, wie beispielweise Schwerter, in Textilien eingeschlagen wurden. Ausgehend von Gräbern an anderen Fundorten, an denen sich organische Materialien besser erhalten, ist es gut möglich, dass auch Textilien selbst als Grabbeigaben in die Gräber gelegt wurden.
 

Leichenbrandbehältnisse

Die Zahl jener Gräber, in denen die Asche der Verstorbenen in Urnen beigesetzt wurde, ist in Hallstatt überraschend gering. Bis heute beträgt die Gesamtzahl der Urnenbestattungen lediglich 12 von rund 1500 Bestattungen. Auf die über 100 Gräber der neueren Grabungen entfallen davon fünf. Dies ist umso bemerkenswerter, als in anderen Gräberfeldern dieser Zeit die Urnenbestattung die übliche Beisetzungsart ist. Zudem sind die Beigaben der Hallstätter Urnenbestattungen weniger wertvoll als jene der Brandschüttungs- und Körpergräber im Salzbergtal. Aber nicht nur Gefäße können als Behältnisse für den Leichenbrand verwendet worden sein. Bei mindestens zwei Brandbestattungen ohne Urnengefäß aus den neueren Grabungen darf man aufgrund der Verteilung der Asche annehmen, dass der Leichenbrand einst in einem inzwischen vergangenen organischen Behältnis bestattet wurde.

Schmuck im Grab

Schmuck findet sich in den Hallstätter Gräbern als Grabbeigabe oder als Belassung. Unter Belassung versteht man all jene Gegenstände – von Kleidern, über Schuhe und Schmuck bis hin zu Waffen – die der Tote bei einer Körperbestattung noch am Körper trägt. In den Hallstätter Gräbern wurden Schmuckgegenstände aus Eisen und Bronze, aus Bernstein und Gold, aus Glas und aus Bein gefunden, die zum Teil aus weit entfernten Gegenden stammen und sehr aufwendig hergestellt wurden.

Helme als Grabbeigaben

Helmfunde sind selbst im reichen Hallstätter Gräberfeld eine Seltenheit. Ein sehr schönes Beispiel eines Doppelkammhelms stammt aus dem Körpergrab eines Mannes. Der Helm war neben den Kopf des Verstorbenen gelegt worden und wies Reparaturspuren auf.

 
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Bestattungssitten

Im Hallstätter Gräberfeld gibt es zwei Arten der Beisetzung: zum einen die Körperbestattung, zum anderen die Brandbestattung. Bei der Körperbestattung wurden die Toten mit Beigaben im Grab beigesetzt. Hinweise auf Leichenbehältnisse, wie z. B. Holzkammern oder –kisten wurden bislang nicht festgestellt. Bei der Brandbestattung wurden die Körper der Toten zunächst verbrannt. Die Asche wurde – Mal mit, Mal ohne Behältnis – mit Beigaben bestattet. Vereinzelt wurde nachgewiesen, dass Asche und Beigaben von einer Holzkonstruktion umschlossen wurden.

 

Teilverbrennung

Eine ursprünglich angenommene dritte Bestattungsart, die sogenannte „Teilverbrennung“, kann aufgrund der neuen Ausgrabungen ausgeschlossen werden. Ausgehend von den Aufzeichnungen und Skizzen Ramsauers, der die Grabungsbefunde gutgläubig dokumentierte, kam es zu Fehlinterpretationen und zur Entstehung der Theorie über die Existenz dieser vermeintlich einmaligen gemischten Bestattungsform mit teilweiser Einäscherung von Körperteilen. Vielmehr belegen die Unterlagen Ramsauers Überlagerungen, Überschneidungen und das Vermischen der verschiedenen Gräber.

(Kern, A. – Löw, C.)