Pressemitteilungen 2016

NHM Wien beteiligt sich an einer internationalen Expedition und Offshore-Bohrung am Chicxulub-Krater in Mexiko


Der 180 Kilometer große Chicxulub-Meteoritenkrater auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán entstand bei einem Meteoriteneinschlag vor rund 66 Millionen Jahren. Der größte Teil des Einschlagkraters liegt im Golf von Mexiko, doch ein Teil des Kraterrandes ist am nordwestlichen Ende der Yucatán-Halbinsel zu
sehen.

Dieser Einschlag war mit großer Sicherheit die Hauptursache für das Massensterben am Ende der Kreidezeit, als über 70% aller damals lebenden Tier- und Pflanzenarten ausgestorben sind – von denen die Dinosaurier die bekannteste Spezies war. Chicxulub ist auf der Erde einmalig: Er ist die einzig bekannte Impaktkrater, der mit einem Massenaussterben direkt in Verbindung gebracht wird. Außerdem ist er einer von den drei größten weltweit, der gut erhalten ist, und die einzige bekannte terrestrische Impaktstruktur mit einem intakten topographischen „Peak Ring“. Peak-Ringe sind halbkontinuierliche Ringe aus schroffen Bergen im Inneren des Hauptkraterrandes und sind gemeinsame Merkmale der großen Einschlagskrater auf Silikatkörper wie z.B. dem Mond, der Venus und Merkur. Trotz ihrer weiten Verbreitung, ist bisher nicht bekannt, wie genau Peak Ringe entstanden sind.

Am 5. April 2016 startete eine Krater-Bohrung, koordiniert von ECORD (European Consortium for Ocean Research Drilling) und IODP (International Ocean Discovery Program) in Zusammenarbeit und mit Kofinanzieriung von ICDP (International Continental Scientific Drilling Program), in 17 Meter tiefem Wasser durch 500 Meter Kalkstein. Die zweimonatige Expedition unter Beteiligung von rund 30 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern unterschiedlicher Fachrichtungen aus 12 Ländern beginnt am 14. April 2016 von Progreso, Mexiko, aus. Ziel der Expedition ist es, die Gesteine zu untersuchen, ob mikrobiologisches Leben existierte und wie lange der Regenerationszeitraum der Ozeane nach dem Impakt dauerte.

Das knapp 15 Millionen US-Dollar teure Projekt hatte eine Vorbereitungszeit von rund 10 Jahren. Erforscht werden soll weiters, welche Gesteine einen topographischen Peak Ring aufweisen und wie diese gebildet werden. Wie werden die Felsen bei großen Impakts geschwächt, um zusammenzubrechen und um relativ weite und flache Krater zu bilden?  Was verursachte die Umweltveränderungen, die zu einem Massenaussterben führte, und welche Erkenntnisse aus der biologischen Erholung im Paläogen können gewonnen werden?

Welche Auswirkungen hat ein großer Impakt auf die Biosphäre unter der Erdoberfläche, und kann er Lebensräume für chemosynthetisches Leben erzeugen? Österreich, das in der Meteoritenforschung eine jahrhundertelange Tradition hat, ist bei diesem Projekt durch Impaktforscher Christian Köberl (NHM-Generaldirektor und Universitätsprofessor für Impaktforschung und planetare Geologie an der Universität Wien) sowie Ludovic Ferrière, Meteoritenforscher am NHM Wien, vertreten. Köberl hat wesentlich an der Verwirklichung des Projektes im Laufe der letzten 10 Jahre als „Principal Investigator“ des ICDP-Projektteiles und „Co-Investigator“ des IODP-Projektteils mitgewirkt, und Ferrière ist Mitglied des Science Teams der aktuellen Bohrung.

Nach der Bohrung werden die Bohrkerne von Mexiko an die MARUM-Universität in Bremen (BRD) gebracht, wo im Herbst alle 30 Wissenschafterinnen und Wissenschafter zur „Onshore Science Party“ in einer mehrwöchigen Klausur zusammen kommen. Dabei werden die Bohrkerne gespalten und Teile davon werden nach Wien gebracht, um sie am Naturhistorischen Museum Wien und an der Universität Wien weiter zu erforschen. Über die Art und Weise, wie die Gesteine geschmolzen sind, erhofft man sich Erkenntnisse, wie der Impakt vor 66 Millionen Jahren abgelaufen ist und wesentliche Fortschritte zum Verständlis der Bildung einer derart großen Impaktstruktur.

Das NHM Wien beherbergt die weltweit älteste Meteoritensammlung. Der Gründungsmeteorit der Sammlung fiel am 26. Mai 1751 in Hraschina bei Zagreb zu einer Zeit, als die Gelehrten sich noch weigerten, an Steine zu glauben, die „vom Himmel fielen“. Jedenfalls wurde ein 39 Kilogramm schweres Eisenstück 1751 in die kaiserliche Schatzkammer gebracht und 1778 in das k. k. Naturalienkabinett überführt. Dort bildete es nicht nur den Grundstein zur ältesten Meteoritensammlung der Welt, sondern gab auch den Anstoß zum Sammeln weiterer „Himmelssteine“ – Jahrzehnte, bevor die Wissenschaft die Existenz von Meteoriten offiziell anerkannte.

Download links:
1) Pressekonferenz am 13. April 2016, 10 Uhr im Gran Museo del Mundo Maya, Mérida, Mexiko
Media Pack und Livestream (10 Uhr local time, 3 Uhr unsere Zeit!): http://www.eso.ecord.org/expeditions/364/mediapack.php

2) Infos zu den beiden Organisationen ECORD und ICDP, die die Expedition finanzieren und organisieren:
http://www.ecord.org/pub/msp.html
http://csdp2.icdp-online.org

3) Zwei Beiträge in Fachmedien:
http://www.sciencemag.org/news/2016/03/scientists-gear-drill-ground-zero-impact-killed-dinosaurs
http://www.nature.com/news/geologists-to-drill-into-heart-of-dinosaur-killing-impact-1.19643

 
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Ölgemälde Dona Jalufka

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Bohrplattform

(c) L.B. Myrtle
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Chicxulub Impaktkrater