textilforschung

Am Naturhistorischen Museum Wien wird - ausgehend von den Funden aus dem Salzbergwerk Hallstatt - interdisziplinäre Textilforschung betrieben. Dabei steht nicht nur die Analyse der Gewebereste selbst im Vordergrund, sondern auch die Beschäftigung mit textilen Gerätschaften, Siedlungsbefunden sowie Grabfunden.

 

Ansprechperson: Dr. Karina Grömer

 

Textilien sind ein wichtiger Teil unserer materiellen Kultur. Sie erfüllen ein breites Spektrum an Funktionen. Mit textilen Handwerkstechniken wurden nicht nur wesentliche Güter des täglichen Bedarfs – allen voran Kleidung – hergestellt, sondern auch Gebrauchswaren sowie repräsentative Objekte bis hin zu Luxusartikeln. Ihre Herstellung erfordert Geschick und Rohmaterialien und ist so zeitaufwändig, dass viele textiltechnologischen Fortschritte bis weit in die Neuzeit hinein einen breiten Einfluss auf Veränderungen in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte hatten.

 

Textilien gehören zu jenen archäologischen Hinterlassenschaften, die relativ selten sind, da sie nur unter besonderen Bedingungen bis heute überdauern. Dazu zählen etwa die Konservierung im Eis (wie bei "Ötzi", der jungsteinzeitlichen Gletschermumie), in Mooren, in Salz (z. B. Hallstatt). Textilien können sich auch erhalten, indem sie an metallenen Gegenständen ankorrodieren. So sind sie etwa in eisenzeitlichen und frühmittelalterlichen Gräbern eine durchaus gängige Erscheinung.
 

Textilforschungsprojekte

  • EU-Projekt CinBA - Creativity and Craft Production in Bronze Age Europe (Projektleitung: Joanna Sofaer, Universität Southampton, UK): 2010-2013
  • FWF-Projekt HallTex FWF: Dyeing techniques of the prehistoric textiles from the salt mine of Hallstatt (Projektleitung: Regina Hofmann-de Keijzer, Universität für Angewandte Kunst, Institut für Kunst und Technologie/Archäometrie Wien): 2008-2011
  • EU-Projekt DressID Clothing and Identitiy - New Perspectives on Roman Textiles (Projektleitung: Michael Tellenbach, Curt-Engelhorn-Stiftung für die Reiss Engelhorn-Museen Mannheim): 2007-2012

 

Textilien aus Gräbern

Derzeit stehen auch Textilreste aus archäologischen Ausgrabungen von keltischen und frühmittelalterlichen Gräberfeldern im Fokus der Forschungen.

Obwohl meist die ursprüngliche Farbigkeit aufgrund der Überprägung durch Metallkorrosion nicht mehr erhalten ist, können doch grundlegende Daten zur Qualität der Stoffe, zu Bindungen erhoben werden. Es können aber auch Musterungen erkannt werden, wenn sie sich in Struktur, Spinndrehung oder flottierenden Fadensystemen zeigen.
Wichtig sind die Funde aus den Gräbern vor allem durch ihren Kontext an der verstorbenen Person oder an den Beigaben, wo sie dann als Teile der Kleidung oder als Verhüllungen  von Objekten gedeutet werden können.

 

Textilien aus Hallstatt

Das bronze- und eisenzeitliche Salzbergwerk in Hallstatt bietet durch die vorzüglichen Erhaltungsbedingungen organischer Materialien einen Blick in die Welt vor 3000 Jahren, der in dieser Form bei den meisten archäologischen Fundstellen nicht möglich ist. Die ca. 700 Einzelgewebe aus dem Salzbergwerk sind großteils aus Wolle und sind teils extrem fein und sehr hochwertig.
Die Stoffe wurden in der Eisenzeit am Gewichtswebstuhl gefertigt, wobei nicht nur die einfache Leinenbindung gewebt wurden. Die beliebteste Bindungsart in Hallstatt ist der Gleichgratköper, seltener sind Spitzgrat (oder Fischgrat)köper, oder auch Panamabindung.  In der Hallstattzeit schätzte man offenbar farbige Bänder als Besatz von Gewandkanten, wie dies Ripsbänder und Brettchengewebe eindrucksvoll zeigen.
In der Bronze- und Hallstattzeit hat man bereits Garne oder auch die fertigen Stoffe künstlich gefärbt (blau, gelb, grün...). Dies ist in der Eisenzeit besonders in den Streifenmustern und Karomustern sichtbar, die sich aus verschiedenfarbigen Kett- und Schußfäden ergeben.
In Hallstatt fallen auch die vielen Beispiele von Näharbeiten, und damit für planvolle Schneiderei auf. Die Säume und Nähte wurden mit großem Geschick ausgeführt, wie eine Ziernaht in blau und weiß eindrucksvoll zeigt. Es sind auch mehr oder weniger sorgfältige Flickungen mit teils sehr groben Fäden vorhanden, die anscheinend ad hoc vorgenommen wurden. Leider sind die vorgefundenen Textilreste jedoch zu klein, als dass man das Aussehen der Kleidung rekonstruieren könnte.