die "perltaucher" von stetten  

Großes Medienecho rief 2005 eine Grabungskampagne des NHMW hervor, die in Kooperation mit der Universität Wien, der Gemeinde Stetten und mit zahlreichen freiwilligen Helfern durchgeführt wurde. Ziel der Forscher war das Korneuburger Becken, das sich scheinbar unspektakulär nordwestlich von Wien erstreckt, das aber jede Menge erdgeschichtlicher Superlative birgt: die größte fossile Perle - das größte fossile Austernriff - die längste Riesenauster - den ältesten Gangesdelphin - die letzten europäischen Alligatoren.

 

paradiesischer lebensraum

Seit mehr als 150 Jahren sind die sandigen und tonigen Ablagerungen rund um Korneuburg für ihren Fossilreichtum bekannt. Doch erst in den letzten beiden Jahrzehnten war das Korneuburger Becken Ziel einer konzentrierten wissenschaftlichen Bearbeitung. Durch die jahrelangen Bemühungen eines unermüdlichen Kreises von Amateuren und Fossiliensammlern waren die Fachleute schließlich mit einer ungeahnten Fülle an Fossilien konfrontiert. Eine internationale Gruppe von 33 Wissenschaftern konnte so mehr als 650 verschiedene Tier- und Pflanzenarten nachweisen. Das Spektrum reicht dabei von winzigen Algen bis zu ausgewachsenen Elefanten. Daher ist das Korneuburger Becken heute das am besten wissenschaftlich bearbeitete und dokumentierte Becken der Welt. Die gewaltige Vielfalt erlaubt eine äußerst detaillierte Rekonstruktion des Lebensraumes: Vor 16,5 Millionen Jahren, im frühen Miozän, war das Korneuburger Becken Teil einer lang gestreckten Flussmündung, in die ein tropisches Meer weit hineinreichte. Sümpfe, Insellandschaften, Altarme und schlammige Küstenstreifen kennzeichneten den Lebensraum. Zwei Hügelketten aus Flyschsandstein, die mit dichtem Tropenwald bedeckt waren, bildeten die Begrenzung. Während Nashörner, Elefanten, Flughunde und Hirschferkel die Regenwälder durchstreiften, lagen an den Ufern Alligatoren auf der Lauer. Delphine und Haie machten Jagd auf die zahlreichen Fische; träge Seekühe weideten in den Seegraswiesen des seichten Meeres.

 

Das Korneuburger Becken vor etwa 16,5 Millionen Jahren: Der Ästuarbereich mit ausgedehnten Sumpflandschaften und Inseln reichte bis auf die Höhe von Obergänserndorf. Im Norden verlor sich der Einfluss des Flusses; dort war eine seichte Meeresbucht Lebensraum für Seeigel, Korallen und Adlerrochen. Paläomagnetische Messungen belegen, dass sich das Becken seit dem Miozän um etwa 30° nach Westen gedreht hat. 

 

die grabung - knochenarbeit

Mehr als 16 Millionen Jahre hatte die Erosion Zeit, um die Reste der miozänen Lebensräume nahezu völlig verschwinden zu lassen. Auch die Austernriffe wurden weitgehend zerstört. Nur dem geologischen Zufall ist es zu verdanken, dass bei Korneuburg ein Teil der miozänen Sedimente zwischen den Flyschketten geschützt überdauert hat. Lediglich an einer Stelle, in der Umgebung der Gemeinde Stetten, vermuteten die Wissenschafter ein letztes zusammenhängendes Riff. Immer wieder tauchten nämlich einzelne Schalen entlang der Geländekante der ehemaligen Ziegelei Stetten auf. Die ursprünglich horizontalen Ablagerungen wurden durch gebirgsbildende Kräfte um 20° verkippt. Fossilführende Schichten, die in den Ziegelgruben und auf den Feldern anwittern, fallen daher steil in die Tiefe ab und lassen sich bei Grabungen nur schwer verfolgen. Daher brachten erste Probegrabungen im Frühjahr 2005 keine eindeutigen Erkenntnisse. Der relativ kleine Bagger musste in einer Prospektionstiefe von vier Metern aufgeben, ohne überhaupt in die Nähe der Austern gekommen zu sein. Erst im Sommer gelang es mit schwerem Gerät, eine Fläche von über 300 m2 abzugraben. Mit größter Vorsicht arbeitete sich der Bagger bis auf etwa 40-60 cm über die Austernlage vor - danach wäre das Risiko, die Fossilien zu zerstören, zu groß gewesen. Die schräg nach Westen geneigte Fläche musste dabei bis zu sechs Meter tief abgegraben werden.  

Wie bei archäologischen Grabungen wurde die riesige Fläche in Quadranten eingeteilt und vermessen. Erst in der zweiten Grabungswoche bekamen die Forscher die ersten Austern zu Gesicht. 20 Erdwissenschafter begannen, Reihe um Reihe von 7 x 2 Meter großen Quadranten zu präparieren. Anschließend wurde Quadrant für Quadrant dokumentiert und fotografiert. Mehr als 15.000 Riesenaustern bedeckten schließlich die freigelegte Fläche.  

 

fossilienwelt weinviertel

Weltweit ist diese Fossillagerstätte einzigartig. Seit 2009 ist sie interessierten Besuchern im Geotainmentpark "fossilienwelt weinviertel" dauerhaft zugänglich. Ein völlig neues, ambitioniertes Ausstellungskonzept lässt die Begegnung mit einem dramatischen Stück Erdgeschichte zum unvergesslichen Erlebnis werden.

 

Weitere Informationen finden Sie hier: www.fossilienwelt.at

 

 

 

Eindrücke aus der Fossilienwelt Weinviertel