abgußsammlung

Abgüsse und Rekonstruktionen von früheren Bevölkerungen und Hominiden sind und waren ein fixer Bestandteil in der Wissenschaft und Lehre aber auch bei der Popularisierung anthropologischer Forschung im 20. Jahrhundert. Als eigenständige Sammlung wurde sie 1995 im Naturhistorischen Museum etabliert. Dieser mehr als 2000 Objekte umfassende Bestand umschließt im wesentlichen zwei Themenbereiche:

  • Abgüsse von Fossilien zur Hominidenevolution sowie damit verbundene Rekonstruktionsversuche und
  • die Sammlung von Abgüssen rezenter Menschen als Teilbestand der ehemaligen „Rassenkunde".

fossilien und rekonstruktionen

Abgüsse von Fossilien wurden seit Bestehen der Abteilung gesammelt und getauscht. Wesentlich erweitert wurde diese Kollektion durch den Ankauf einer Privatsammlung mit über 500 Abgüssen im Jahre 1997. Es ist eine der größten Studiensammlungen in Mitteleuropa und wird für die Bearbeitung wissenschaftlicher Fragestellungen im Bereich der Hominidenevolution wie auch für diverse Ausstellungsprojekte genutzt.

 

Rekonstruktionen von frühen Menschenformen und ihre museale Präsentation prägen und prägten unsere Vorstellungen von vergangenen Zeiten und unseren Vorfahren. Viele dieser Rekonstruktionen wurden von Künstlern in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern geschaffen. Konkrete Darstellungen der Körperhaltung und des Gesichtsausdrucks bei den Rekonstruktionen sind auch stark beeinflußt von den Weltanschauungen der Wissenschaftler und Künstler. Die erhalten gebliebenen Rekonstruktionen aus dem 20. Jahrhundert liefern einen Beitrag zur Erforschung der Fachgeschichte als auch zu den Präsentationsformen im NHM.

 

Die kürzlich angekauften Rekonstruktionen der Neandertaler und Australopithecinen, die von E. Daynes in Paris hergestellt wurden, bilden einen Schwerpunkt der in Planung befindlichen Neugestaltung der Anthropologischen Schausäle. Im Gegensatz zu den früheren Gipsformen wurde hier versucht eine möglichst „naturnahe" Rekonstruktion mittels Dermoplastik zu gestalten.

masken, büsten und ganzkörperplastiken (ca. 600) objekte

Abformungen des Menschen in Form von Büsten, Gesichtsmasken aber auch Ganzkörperplastiken waren vorwiegend „Schauobjekte" und „Lehrobjekte" und bilden heute wichtige fachgeschichtliche, zeithistorische und kulturhistorische Quellen. Dem Ansatz der biologischen Klassifikation folgend, wurde seit den Anfängen der Anthropologie versucht, die Menschen in scheinbar naturwissenschaftlich „wertfreie" Rassenklassifikationen einzuteilen. Vor diesem Hintergrund war man bestrebt, in den Anthropologischen Sammlungen, enzyklopädisch und idealtypisch, Abbildungen für die Wissenschaft und Lehre zu sammeln. Verschiedene Systematiken teilten die Menschen in drei bis mehrere hundert Rassen ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten populationsgenetische Konzepte das idealtypische Konzept ab. Die idealtypischen Vorstellungen sind dennoch bis heute erhalten geblieben. Einen wesentlichen Beitrag zur Tradierung dieser Rassenklassifikationen bildeten Ausstellungen und museale Präsentationen des Menschen.

 

Gesammelt wurde im Rahmen von Expeditionen, Sammlungsreisen und Forschungsreisen, auch im Tausch. Große Serien an Gipsköpfen (aber auch Hände, Füße und Ohren) wurden bei den anthropologischen Studien in Kriegsgefangenenlagern vom I. Weltkrieg abgenommen. Ein in den 30er Jahren errichtetes Laboratorium im Museum versuchte schwerpunktmäßig „vorgeschichtliche Rassentypen" zu rekonstruieren.

 

Den größten und zugleich ethisch und forschungsgeschichtlich problematischsten Teil der Sammlung bilden aber über 350 Gesichtsmasken. Sie wurden im Zuge der umfangreichen Forschungs- und Sammlungstätigkeit der Wiener Anthropologen während der NS-Zeit von Kriegsgefangenen und Schoa-Opfern abgenommen.