geschichte der fischsammlung

In den Vorläufern des heutigen Naturhistorischen Museums, den „Naturalien-Cabinetten” des Wiener Hofes im frühen 18. Jahrhundert, spielten Fische zunächst eine untergeordnete Rolle. Präparatorische bzw. konservatorische Schwierigkeiten mögen zumindest mit ein Grund dafür gewesen sein, dass diese Gruppe zunächst kaum Berücksichtigung fand. Entsprechend den Intentionen der frühesten Naturaliensammlungen, möglichst bizarre und monströse Objekte zu präsentieren, handelt es sich bei den vermutlich ältesten Objekten der Fischsammlung um „Basilisken” oder „Phantasiefische”, also um Fische (meist Rochen), die zu drachenartigen Wesen „umpräpariert” wurden.
 

johann natterer (1787-1843)

Die Anfänge der wissenschaftlichen Fischsammlung reichen in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, ihr Grundstock sind jene rund 2000 Exemplare, die Johann Natterer im Zuge eines 18 Jahre dauernden Aufenthalts in Brasilien (1817-1835) gesammelt hat. Johann Natterer brach 1817 als Teilnehmer jener Expedition nach Brasilien auf, die anlässlich der Heirat von Prinzessin Leopoldine mit dem Kronprinzen Don Pedro von Brasilien ausgerichtet wurde. Natterer kann nicht als Ichthyologe bezeichnet werden - er hat lediglich eine Publikation verfasst, die sich mit dem südamerikanischen Lungenfisch (Lepidosiren paradoxa) beschäftigt, den er irrtümlich als Reptil beschrieb - er war jedoch ein ausgebildeter und sehr talentierter Zeichner und Maler, und hat im Laufe seines Brasilienaufenthaltes zahlreiche Skizzen und Aquarelle von Fischen angefertigt. Diese hervorragenden Abbildungen, die heute im Archiv des Naturhistorischen Museums untergebracht sind, und das von ihm gesammelte Material bildeten jedoch die Basis für den in der Folge einsetzenden Aufschwung der systematischen Ichthyologie in Wien, der untrennbar mit dem Namen Heckel verbunden ist.
 

johann jakob heckel (1790-1857)

Jakob Heckel war wie Natterer kein „gelernter Zoologe”. Auf Wunsch seines Vaters hatte er Landwirtschaft studiert und 1811 - nach dem Tod seines Vaters - das kleine Familiengut bei Gumpoldskirchen (nahe Wien) übernommen. Sein wirkliches Interesse galt jedoch den Naturwissenschaften, insbesondere der Botanik und der Ornithologie. Er war darüber hinaus ein sehr guter Zeichner und ein glänzender Präparator, dem Freunde „zwei rechte Hände” attestierten. Im Zuge der Bestimmung einiger seltener Exemplare seiner ansehnlichen Sammlung von Vogelbälgen kam Heckel mit dem damaligen Kustos des k.k. Hof-Naturalien-Kabinetts in Wien, Josef Natterer, dem älteren Bruder des zu dieser Zeit in Brasilien weilenden Johann Natterer, in Kontakt. Diese Begegnung war ausschlaggebend für seinen Entschluss, sich ausschließlich den Naturwissenschaften zu widmen.

 

Da Fische in der damaligen Sammlung des Naturalienkabinetts außerordentlich schwach vertreten waren, beschloss Heckel sich diesem Gebiet zu widmen. 1820 nahm er eine Stelle als Präparator an und begann, mit großem Einsatz, all das aufzuholen, was ihm an einschlägiger Fachausbildung fehlte. International sprach sich rasch herum, dass in Wien ein frischer Wind in Sachen Ichthyologie wehte, Heckel hielt engen Kontakt mit den großen Ichthyologen seiner Zeit, wie Cuvier, Valenciennes, Bonaparte, Müller oder Troschel. Heckels eigene Sammel- und Reisetätigkeit hielt sich in Grenzen, er bearbeitete in erster Linie Material, das andere Sammler und Reisende nach Wien brachten. Zu „seinen” Sammlern zählten Freiherr von Hügel, Russegger und Kotschy, deren Aktivitäten in Kaschmir, Syrien, Persien und Ägypten die Wiener Sammlung deutlich vergrößerten. Neben dem Schwerpunkt der Fischfauna des kleinasiatischen und nordafrikanischen Raums bearbeitete Heckel unter anderem die Cichliden aus Natterers Brasilienaufsammlungen und wandte sich schließlich auch den fossilen Fischen zu.

 

Aus systematisch-taxonomischer Sicht sind vor allem seine Arbeiten mit Cypriniden hervorzuheben. Seine „Neue Classification und Charakteristik sämtlicher Gattungen der Cypriniden”, in der er sich auch ausführlich mit der Bedeutung der Schlundzähne als systematisches Merkmal auseinandersetzte, ist - wie viele andere der über 60 wissenschaftlichen Publikationen Heckels - ein Standardwerk der ichthyologischen Fachliteratur. Das Erscheinen jenes Werks, an dem Heckel insgesamt 24 Jahre gearbeitet hatte und das er als krönenden Abschluss ansah, „Die Süßwasserfische der Österreichischen Donaumonarchie”, erlebte Heckel nicht mehr. Er starb am 1. März 1857 im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Infektion mit pathogenen Keimen, die er sich vermutlich beim Versuch, aus den Kadavern einiger an der Küste Istriens gestrandeter Pottwale ein Skelett für das Museum zu bergen, zugezogen hatte. Die Herausgabe von Heckels letztem Werk übernahm sein früherer Schüler und Assistent, Rudolf Kner.
 

rudolf kner (1810-1868)

Rudolf Kner, promovierter Mediziner, trat 1836 in die Dienste des Hofmuseums und wurde Heckel als Hilfskraft zugeteilt. Er verließ das Haus allerdings bereits drei Jahre später wieder, um seine Laufbahn zunächst an der Universität Lemberg als Professor für Naturgeschichte fortzusetzen, 1849 übernahm er die Lehrkanzel für Zoologie an der Universität Wien. Der wissenschaftlichen Fischsammlung blieb Kner jedoch ebenso wie der Ichthyologie immer verbunden. Zu seinen herausragendsten Publikationen zählt die 1853 erschienene Arbeit über Panzerwelse, in der er unbearbeitetes Material aus den Aufsammlungen Natterers veröffentlichte und insgesamt 18 neue Arten beschrieb. Als Kner 1859 Material aus der Expedition der Fregatte Novara zur Aufarbeitung erhielt, holte er sich einen jungen Zoologen als Hilfskraft, Franz Steindachner.
 

franz steindachner (1834-1919)

Franz Steindachner wandte sich nach Abschluss eines Studiums an der juridischen Fakultät im Jahr 1856 den Naturwissenschaften zu. Auf Anregung seines Freundes, des Geologen und Paläontologen Eduard Suess, beschäftigte er sich zunächst mit fossilen Fischen. Im Zuge dieser Arbeit und durch die Beschäftigung mit dem Material der Novara-Expedition kam Steindachner mit der Fischsammlung des Naturalienkabinetts in Kontakt. Aufgrund seiner hervorragenden Arbeiten wurde ihm 1860 die seit dem Tod Heckels (1857) nicht besetzte Stelle des Leiters der Fischsammlung übertragen. Erste Sammelreisen führten Franz Steindachner nach Spanien, Portugal, auf die Kanarischen Inseln und in den Senegal.

 

Im Zeitraum von 1859 bis 1868 publizierte Steindachner nicht weniger als 55 ichthyologische Arbeiten mit einem Gesamtumfang von fast 900 Seiten und etablierte sich somit in kürzester Zeit als hervorragender Ichthyologe! In Anerkennung seiner Leistungen wandte sich 1868 Louis Agassiz, der damals berühmteste Naturforscher Amerikas, mit der Einladung an Steindachner, eine Berufung an die Universität Harvard in Cambridge, Massachusetts, USA anzunehmen. Steindachner nahm zunächst einen zweijährigen Urlaub, um das Angebot vor Ort prüfen zu können. In Cambridge untersuchte er zunächst das Material der Thayer-Expedition, insbesondere die Aufsammlungen südamerikanischer Süßwasserfische, die ja - dank Natterers Tätigkeiten - auch einen wichtigen Schwerpunkt der Wiener Sammlung bildeten. In den Jahren 1871/72 beteiligte er sich auf Einladung Agassiz' an der Hassler-Expedition, die von Boston rund um Südamerika bis nach San Francisco führte. Aus der enormen Ausbeute dieser Reise (über 100.000 Fische) durfte Steindachner praktisch nach Belieben Material für seine Wiener Sammlung entnehmen, was er Agassiz hoch anrechnete. Trotzdem fühlte er sich von seinem berühmten Kollegen vereinnahmt und auch ausgenutzt. Er sah - vermutlich zu recht - voraus, dass er bei einem Verbleib in Cambridge immer im Schatten des nicht uneitlen Agassiz stehen und in seiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit behindert werden würde. Aus diesem Grund schlug er das Angebot einer Professur in Cambridge aus und kehrte 1874 endgültig nach Wien zurück.

 

In den folgenden Jahren besuchte Steindachner mehrere europäische Museen, um ihre Organisationsstruktur zu studieren, der Bau des neuen k.k. Hofmuseums war bereits in Vorbereitung. 1886 war die Übersiedlung der ichthyologischen Sammlung in das neue Haus am Ring abgeschlossen, ein Jahr später wurde Steindachner zum Direktor der Zoologischen Sammlungen ernannt. Arbeitsschwerpunkte der nächsten Jahre (1891-1898) waren das Rote Meer und das Mittelmeer, mehrere Expeditionen wurden mit der „Pola”, einem Materialtransporter der Kriegsmarine, durchgeführt. 1898 avancierte Steindachner zum Intendanten des Hofmuseums. Seine letzte große Reise führte ihn 1903 nach Brasilien, wo er trotz seines vorgerückten Alters - Steindachner war ja bereits 69 - und einer schweren Malaria-Erkrankung außerordentlich umfangreiche Aufsammlungen durchführte. Nach seiner Rückkehr widmete er sich seiner Sammlung und publizierte zahlreiche Arbeiten. Auch nach seiner Pensionierung Anfang Oktober 1919 wurde ihm, dem „Fischhofrat”, gestattet, seine im Bereich der Fischsammlung gelegene Dienstwohnung weiter zu benützen. Steindachner starb im Dezember 1919 an den Folgen einer Lungenentzündung.
 

viktor pietschmann (1881-1956)

Viktor Pietschmann kam nach Abschluss seines Zoologiestudiums 1905 als Assistent Steindachners an das Museum. Bereits im selben Jahr bereiste er die Barents-See, 1909 studierte er die Hochseefischerei an der Südküste Grönlands. Große Bedeutung haben die von Pietschmann durchgeführten Aufsammlungen im Zuge seiner Expeditionen nach Mesopotamien (1910) und Armenien (1914). Auf der letztgenannten Fahrt wurde Pietschmann vom Ausbruch des 1. Weltkrieges überrascht, er blieb in der Türkei und leistete in der türkischen Armee seinen Wehrdienst als Offizier. 1919 übernahm Pietschmann die Leitung der Fischsammlung, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1946 innehatte. 1927 verbrachte er einen einjährigen Studienaufenthalt auf Hawaii, weitere Sammelfahrten führten ihn nach Rumänien und Polen. Pietschmanns wissenschaftlicher Nachlass umfasst rund 50 wissenschaftliche Publikationen und zahlreiche populärwissenschaftliche Artikel. Er starb im November 1956.

 

Mit dem Tod Pietschmanns ging die Ära der großen Sammler für die Wiener Ichthyologie endgültig zu Ende. Mit ein Grund dafür waren die Folgen des 1. Weltkrieges, etwa - insbesondere für die Ichthyologie - der Verlust eines eigenen Zugangs zum Meer bzw. einer eigenen Marine. Auch die wirtschaftliche Situation nach 1918 und die politische Instabilität dieser Zeit waren nicht eben günstige Rahmenbedingungen für eine entsprechende Forschung. Abseits dieser Gründe gab es jedoch ein allgemeines Umdenken in Hinblick auf das Sammeln für museale Zwecke. Die Unmöglichkeit, eine so enorm umfangreiche Gruppe wie die Fische mit dem Ziel der „Vollständigkeit” zu sammeln, war längst erkannt. Die „Umweltverträglichkeit” von Fangmethoden wurde erstmals hinterfragt (Steindachner benutze etwa noch auf seinen Expeditionen ins Rote Meer Dynamit, was heute undenkbar wäre), Fragen nach der Sinnhaftigkeit riesiger Aufsammlungen tauchten auf. Neue, zusätzliche Aufgaben für die museale Sammlung waren zu bewältigen. Neben den klassischen systematisch-taxonomischen Forschungsaufgaben entstand der weite Arbeitsbereich des Artenschutzes. Die Einbindung der Ökologie, Habitatkartierungen, Rote Listen oder auch das Sicherstellen von Belegexemplaren sind heute fixer Bestandteil des Aufgabenbereichs der Fischsammlung.