„Dead Images“ - Eine Ausstellung und ein Forschungsprojekt über menschliche Schädelsammlungen, ethnographische Fotos und die Ethik von Ausstellen, Wissenschaft und Kunst


28.06. bis 25.08.2018
Edinburgher Kunsthochschule ECA, Hauptgebäude, 74 Lauriston-Platz, EH3 9DF Edinburgh, UK
 
An der Anthropologischen Abteilung des NHM in Wien wird eine Sammlung von ca. 40.000 menschlichen Skelettresten verwahrt – in Glasschränken, nummeriert und inventarisiert: ein Raster stillen Daseins, eine Struktur der Ordnung und Logik. Im Zentrum dieses langgestreckten Schranksystems befindet sich eine Holztür, die in einen Raum führt, in dem die mehr als 50.000 Bilder umfassende Fotosammlung der Abteilung verwahrt wird.
Die Immensität dieser beiden Sammlungen und ihre räumliche Verbindung sind nicht unbedeutend: Sie symbolisiert die Verknüpfung von Fotographie und anthropologischer Forschung – und ihre gleichlaufende und wechselseitig sich beeinflussende Entwicklung.
Das Projekt „Dead Images“ sucht die ethischen, historischen, politischen, kulturellen, wissenschaftlichen und ästhetischen Implikationen dieser Sammlungen zu erschließen.


[© Tal Adler, 2012]

 

Hintergrund

„Dead Images“ ist ein langfristiges Projekt, das mehrere Aktivitäten einschließt: fortlaufende wissenschaftlichen und künstlerischen Forschung, eine Wanderausstellung, einen Universitätskurs, eine Konferenz, öffentliche Präsentationen und eine Reihe von Workshops (in Universitäten und Museen). Die Ausstellung (die am 28.6.2018 am Edinburgh College of Art eröffnet wurde) ist um die ethischen Herausforderungen konzipiert, die bei der Betrachtung eines (sehr großen) Fotos, welches das schwierige Vermächtnis der zwei Wiener Sammlungen – körperliche Reste und Fotografien – thematisiert, aufgeworfen werden.
Die Fotografie ist ein Kompositbild eines etwa 30 m langen Archivschrankes der Anthropologischen Abteilung, in dem menschliche Schädelreste verwahrt werden. Dieser Sammlungsbestand ist – sammlungshistorisch gesehen – von besonderer Bedeutung, da hier die menschlichen Schädel, beginnend mit den ersten Inventarnummern bis zur Nummer 8.549 verwahrt werden. Der Schrank, wie auch seine Fotografie, portraitiert die ersten 100 Jahre des wissenschaftlichen Sammelns von Schädeln sowie die Theorien, die – unterstützt von kolonialen Strukturen – d.ie Rassen- und Evolutionsforschung motivierten[1]. In diesem Bild wird indirekt auch die fotografische Sammlung der Anthropologischen Abteilung angesprochen, die sich in einem Raum hinter der prominent erscheinenden Holztür befindet.


[Das "Dead Images"-Team mit Francesca Lanz und Jacopo Leveratto, vor einem Test-Print für die Ausstellung, Edinburgh College of Art, November 2017, © Tal Adler, 2017]
 
Tausende von anthropometrischen Fotografien von Kriegsgefangenen, Indigenen in den Kolonien und Opfern von Holocaust enthaltend, wirft die optische und architektonische Einbeziehung dieser Fotosammlung[2] in die Schädelsammlung und die Verschränkung von fotografischem und wissenschaftlichem Rassismus und Gewalt tiefgreifende Fragen über die Vergegenständlichung von Leben und Tod dieser Menschen auf.



[1] Der sammlungshistorisch älteste Schädel, der in diesem Archivschrank verwahrt wird, stammt aus den 1820er Jahren, der letzte in diesem „Schaukasten“ (Inventarnummer 8549) wurde um 1930 inventarisiert (bisher sind ca. 24.000 Objekte inventarnummernmäßig erfasst).
[2] In dem Raum hinter dieser im Foto sichtbaren Tür war früher das Fotolabor untergebracht. Es wurde vom Direktor der Abteilung in der Nazi-Zeit, Josef Wastl, einem frühen Mitglied der NSDAP in Wien begründet. Wastl, dessen Forschungsinteresse auf „Rassenuntersuchungen“ ausgerichtet war, hat nicht nur Schädel von Opfern des Holocaust angekauft, sondern dieser Fotosammlung tausende von Fotos von Holocaustopfern und Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges hinzugefügt.

Eine Ausstellung, die sich selbst in Frage stellt
Wer wir sind
„Dead Images“ - Zur Geschichte, Ethik und Politik von europäischen Schädelsammlungen
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