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natural history - von james benning

28. September 2014 - 26. Oktober 2014


1706 entdeckte der Astronom und Mathematiker John Machin die Arctan-Formel, und berechnete mit deren Hilfe die Kreiszahl Pi auf 100 Dezimalstellen.
 
1745 wurde Franz Stephan, der Ehemann von Maria Theresia, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Kaiser Franz I., wie er sich nach seiner Inthronisation nannte, war großer Anhänger der Naturwissenschaften und erwarb 1748 eine Sammlung mit über 30.000 Objekten – hauptsächlich Minerale, Fossilien, Muscheln und Schnecken.
 
1873 vollendete William Shanks seine händischen Berechnungen der Kreiszahl Pi. An den 707 Dezimalstellen arbeitete er 15 Jahre lang.
 
1889 eröffnete Kaiser Franz Joseph I. das Naturhistorische Museum Wien, zwei Jahre später das Kunsthistorische Museum Wien. Verbunden durch den Maria-Theresien-Platz sollten die beiden Zwillingsmuseen die umfangreichen Sammlungen der Habsburger beherbergen. Nach der Planung durch die Architekten Gottfried Semper und Karl Freiherr von Hasenauer begannen bereits 1871 die Bauarbeiten.
 
1945 fand der Mathematiker D. F. Ferguson heraus, dass William Shank sich ab der 527. Dezimalstelle verrechnet hatte. Shanks war 1882 – lange bevor der Fehler entdeckt wurde – gestorben. 1949 berechneten John Wrench und Levi Smith mit Hilfe eines Tischrechners die ersten 1.120 Dezimalstellen von Pi.
 
1980 begann ich Henry-Aaron-Baseball-Karten zu sammeln. Schnell wurde das zu einer Obsession. Ich machte jede Aaron-Karte, die im Laufe seiner beeindruckenden Karriere (1954 – 1975) hergestellt wurde, ausfindig und kaufte sie. Daraus entstand mein Film American Dreams, 1984. 2009 wurde der Film der im Österreichischen Filmmuseum restauriert.
 
1990 wurde der Tiefspeicher des Naturhistorischen Museums Wien gebaut: Die vier zusätzlichen Geschosse unter der Erde bieten 5.000 Quadratmeter Stauraum. Der Tiefspeicher wurde im Zuge des U3-Ausbaus errichtet. 1989 bis 1993 wurde der Dachausbau mit zusätzlichen Lagerräumen und mehr als 60 Büros und Laboratorien gebaut.
 
2012 kuratierte Ed Ruscha eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien: The Ancients Stole All Our Great Ideas (25. September bis 2. Dezember 2012). Dafür wählte er Objekte aus dem Kunsthistorischen und Naturhistorischen Museum aus.
 
2013 verbrachte ich, auf Einladung von Generaldirektor Christian Köberl, 17 Tage im Naturhistorischen Museum Wien. Ich filmte in Büros, Lagerräumen und Gänge. Das Resultat ist natural history, eine 77-minütige Filminstallation, eigens für das Museum angefertigt. Am 26. September 2014 wird die Installation erstmals präsentiert, im Oktober feiert der Film im Rahmen der Viennale seine Premiere.
Mein Film natural history folgt einer fix vorgegebenen Struktur auf Basis den ersten 27 Ziffern von Pi (π = 3.14159265358979323846264338).
 
Heutzutage befinden sich über 30 Millionen Objekte im Naturhistorischen Museum Wien. Am 28. Dezember 2013 wurde Pi von Alexander Yee und Shigeru Kondo auf über 12 Billionen Stellen berechnet. An diesem Tag feierte ich meinen 71. Geburtstag. Die beiden benutzen einen selbst konstruierten Computer, die Berechnung dauerte 94 Tage. William Shanks hält nach wie vor den Rekord von 527 per Hand berechneten Dezimalstellen von Pi.
 
James Benning
Val Verde, CA

natural history - James Benning und das Naturhistorische Museum in Wien
(Christian Köberl, Generaldirektor des NHM)
 

Der Film ist am Dienstag, dem 4. November 2014, um 13.30 Uhr auch im Gartenbaukino im Rahmen des VIENNALE Film-Festivals zu sehen.